GoetzenHäuser
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Dreizehn Positionen zum Thema »Goetzen – Ich und die Anderen«





Collegium Polonicum, Słubice mit GoetzenHäusern; Oderpromenade, Frankfurt (Oder) mit GoetzenHäusern; Fotos: CH-Foto; Plan: ffo Agentur GmbH


 

Richard Rabensaat

»Dem Haus eignet eine besondere Heiligkeit. Häufig wird es dadurch geweiht, dass in seine Fundamente sakral geopferte Lebewesen eingemauert werden«, behauptet das Lexikon. So weihevoll geht es in den »GoetzenHäusern« in Frankfurt (Oder) allerdings nicht zu. Die Form der Häusermodelle ist schlicht und völlig gleichförmig. Aber die eingeladenen Künstler inszenieren dreizehn jeweils ganz eigene Assoziationsräume zum Thema »Goetzen – Ich und die Anderen«. Auf einer Grundfläche von drei mal drei Metern ruhen die dreizehn Kunstcontainer. Sie sind aus Multiplex Spannplatten gefertigt und im Inneren mit Spanplatten verkleidet. Zehn der Behältnisse stehen auf der Frankfurter Seite der Oder, drei gegenüber in Subice. Im Innenraum gestalteten die eingeladenen Künstler ihre eigenen Versionen eines oder mehrerer Götzen. So gerieten die Häuser völlig unterschiedlich. Es zeigte sich, dass für den modernen Menschen der eine verbindliche Gott nicht mehr existiert, ein jeder schafft sich seinen Gott selbst. Des einen Gott erscheint dem anderen möglicherweise als dessen Götze, als ein Abgott, als verfehlter Bilderkult an einem willkürlich mit Bedeutung beladenen Objekt. Die Abwertung des jeweils anderen Gottes entspricht monotheistischer Tradition. In westlichen Kulturen erschienen die Heiligenbilder der Naturvölker lange Zeit als »Nichtse« und »Schreckensbilder«. Luther schimpfte auf den Götzendienst am »falschen Gott«, und das Christentum artikulierte seine Intoleranz gegenüber anderen Religionen Jahrhunderte lang in Kreuzzügen und Religionskriegen. Den gewandelten Zeitläufen ist diese Sichtweise nicht mehr angemessen. Möglichkeiten, die Zukunft zu gestalten, ergeben sich nicht mehr aus halsstarrigem Festhalten an der einen Wahrheit. Notwendig ist Offenheit und Toleranz für die Werte des Anderen. Dies artikuliert die Ausstellung in Frankfurt (Oder) und pendelt dabei zwischen den beiden Polen des Goetzen-Themas einerseits und der Häuser-Form andererseits.

Die Installation des Künstlers Amador vereint beide Aspekte. An menschliche Formen erinnernde Rohlinge aus Polyurethanschaum hängen in seinem »GoetzenHaus«. Sie bilden fast so etwas wie eine »Hausgemeinschaft«. Vor den goldfarbenen Wänden des Raumes erscheinen sie wie Rückstände von Lebewesen, lassen den Besucher vor einem Betreten des Raumes zurück schrecken. Die Inszenierung des Figurenensembles erinnert daran, dass die Verletzung der Hausgemeinschaft Sühne provoziert. Rechtsordnungen schützen das Haus als Zentrum menschlichen Lebens. Das hat seinen Grund nicht zuletzt in dem Einfluss der Behausung auf das Leben seiner Insassen. Die Wohnform, ob im schlecht sanierten Wohncontainer oder in der Vorstadtvilla, prägt die Befindlichkeit der Bewohner entscheidend. In gleicher Weise jedoch bestehen Bewohner unterschiedlichster Milieus auf die Unantastbarkeit ihrer vier, oder mehr Wände. Erst das Haus ermöglichte dem vormals nicht sesshaften Menschen die Bildung von Mikrogemeinschaften, in denen die darin wohnenden Familien von der Allgemeinheit abweichende Rituale und Gewohnheiten etablieren können. Innerhalb des Goetzen-Projektes bieten die Häuser der jeweiligen Installation Schutz und lassen trotz ihrer äußerlichen Gleichförmigkeit im Inneren ganz eigene Weltsichten entstehen. Nicht immer jedoch stehen die Innenwelten auf festem Grund. So hat das Haus des Künstlers Via Lewandowsky keinen Boden. Aufgebockt auf einem Metallgestell steht es über dem Pflaster. Sich unter den Wänden hindurch zwängend gelangt der Besucher ins Innere. Über seinem Kopf sieht er ein zusammen geschnürtes Bündel von Lampen und Leuchtern. Nach und nach schalten sich die Glühbirnen mit einem elektrisch verstärkten, knackenden Ton ein. Einen kurzen Moment lang glühen sie gemeinsam, dann schalten sie sich nacheinander wieder aus. Dabei illuminieren die Lichter keine bestimmte Szenerie, denn in dem Raum befindet sich ja nur der Besucher. Genau ihm geht allerdings das Licht auf, denn auf seine Gegenwart reagiert der Bewegungsmelder, der den Einschaltmechanismus in Gang setzt. Lewandowsky arbeitet in seiner Installation in Frankfurt (Oder) mit dem Mittel des Absurden. In der Luft stehend, ist das Haus seiner Funktion beraubt, kann den Schutz, der von ihm erwartet wird, nicht mehr bieten. Und auch die Lichtquellen sind durch ihre Bündelung merkwürdig verfremdet. In diesem Wohnraum mag kein Behagen aufkommen. Das seltsame Konglomerat ist kein neckischer Hinweis des Künstlers auf die vielen möglichen Arten spiritueller Erleuchtung, zeigt aber, dass Erhellendes in vielerlei Gestalt daher kommen kann und ein jeder sich sein eigenes Licht suchen sollte, auch wenn er glaubt, den festen Boden unter den Füßen verloren zu haben. »Die Transzendenz ist in Tausende von Fragmenten zerbrochen, die wie Bruchstücke eines Spiegels sind, in denen wir flüchtig noch unser Spiegelbild greifen können, bevor es verschwindet«, behauptet Jean Baudrillard. Der Philosoph resümiert den Verlust eines einheitlichen transzendenten Ganzen. Die Verlängerungen der Sinnesorgane des Menschen, die Videomonitore und Computersimulationen treiben nach Baudrillard eine Fragmentierung voran, bei der letztlich eine Vielzahl winziger, dabei aber gleichartiger Egos entstünde.

Ein anschauliches Beispiel für die Zergliederung des Körper in seine Einzelteile findet sich im Haus des Künstlers Timm Ulrichs. Eine Minikamera, die der Künstler schluckte, lieferte alle drei Sekunden ein Bild aus dem Inneren seines Körpers. Die Besucher sehen nun auf dem Videoschirm, was den Kunstprofessor im Innersten bewegt. Dabei wird deutlich, dass die sichtbare Oberfläche des Körpers gerade keine Information über Beweggründe und Motivationen und nicht zuletzt den Glauben eines Menschen gibt. Glaube und Transzendenz sind immateriell, entstehen allein im Bewusstsein des Menschen. Vielgestaltig wie das Bewusstsein sind die in den Kunstwerken artikulierten Fragmente der Realität. Gelegentlich erscheint das Bild der Welt in Schnipseln. Den Boden des Hauses von Dmitri A. Prigov bedecken zahlreiche Zeitungsblätter, von der dem Eingang gegenüber liegenden Wand blickt ein großes, gemaltes Auge dem Besucher entgegen. Die sich mit den Blättern in den Raum ergießende Informationsflut ergibt für den Leser kein einheitliches Bild von der Welt mehr. Lediglich einen halbwegs geordneten Ausschnitt der alltäglichen Nachrichten und Kommentare zum Spektakel in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur erwirbt der Leser mit dem Zeitungskauf. Das Auge im Haus Prigovs erscheint als vieldeutiges apotropäisches Zeichen, das böses Weltwirken bannen soll, aber auch auf eine unbestimmte höhere Sinneinheit hindeutet. Prigovs Frage nach dem eigenen Götzen endet daher nicht im Bejammern des zerbrochenen einheitlichen Weltbildes. Er scheint sich auf eine Suche nach Antworten begeben zu wollen. Auch andere Häuser zeigen die Möglichkeit, in den Scherben eines zersplitterten Weltbildes nach einem möglichen neuen Spiegel des eigenen Selbst und desjenigen der Anderen zu schauen. Das erscheinende Bild beruht dann allerdings nicht, wie in vergangenen Zeiten, auf einer Beschränktheit des Blicks, sondern auf der Toleranz für die Andersartigkeit und Vielfältigkeit des Seins. Wie unterschiedlich dieser Blick sein kann, zeigen die Installationen der Künstler. Sie sind gelegentlich streng konstruktiv wie bei Monika Sosnowka. Die kühl wirkende Raumunterteilung der polnischen Künstlerin stößt den Besucher zunächst ab, macht ihm dann aber klar, dass das Leben auch schon einmal ein Raum mit verwirrend vielen, aber doch ziemlich sperrigen Durchgangsmöglichkeiten sein kann.

Sehr sinnlich hingegen ist die Installation des polnischen Künstlers Ryszard Górecki, dessen »Goetzen-Haus« den Besucher mit wohlriechendem Schokoladengeruch umfängt und ihn unmittelbar betört. Die Kreidezeichnung im Innenraum der mexikanischen Künstlerin Helen Escobedo erfordert auch die Ausein-andersetzung mit dem kulturellen Hintergrund der Mexikanerin. Nicht immer wird dem Besucher auf den ersten Blick klar, was die Arbeiten der Künstler mit dem Thema gemein haben. Während die in dem Weizen verstreuten Geldstücke im Haus Góreckis noch eindeutig auf den »God Money« verweisen, mag sich der Besucher bei den eingesägten Wänden des Hauses des Schweizers Urs Jaeggi etwas ratlos fragen, ob die Götzen sich hier nun im Vandalismus ergangen hätten.

Es war indes nicht die Absicht des Kurators oder der Künstler, eindeutige Antworten auf die Sinn- oder Gottesfrage zu geben. Kunst kann und soll kein Religionsersatz sein, denn dies würde die Kunst und ihre Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit der wie auch immer gearteten Wirklichkeit hoffnungslos überfordern. So wehrt sich der Kurator auch strikt dagegen, bei den gezeigten Kunstwerken einen religiösen Unterton zu vermuten. Dennoch schwingt die Frage nach der Möglichkeit eines Glaubens in einer gänzlich säkularen Zeit in vielen der Innenleben der Häuser mit. Offensichtlich ist dies im Haus des in New York lebenden Künstlers Zhang Huan, der eine Buddha Statue auf einem langsam zerbröselnden Sandhügel postiert. Die kleine Figur erinnert nicht zuletzt an mythische Vorstellungen von Friedfertigkeit und Wiedergeburt, die mit dem asiatischen Religionsstifter verbunden sind. Auf dem Hügel thronend, nimmt die Statue eine Position ein, die im nordgermanischen Haus dem Platz des Herrn, dem als heilig geltenden »Hochsitz« entsprach. In der Installation »Erdhaus Himmelwärts« des Künstlers Jörg Herold strebt ein verbrannter Baumstamm durch die Mitte des Hauses eben gen Himmel. Die »Himmelsleiter«, an die der Stamm erinnert, ist ein religiöses Motiv. Es zeigt sich in der christlichen Jakobsleiter und auch als Symbol für den Aufstieg des Menschen zu einem besseren Selbst im Hinduismus und Buddhismus. Die Installationen Huans und Herolds eröffnen Denk- und Assoziationsräume für Fragen nach Werten und Zielsetzungen und nicht zuletzt einer Transzendenz, die nicht mehr Gott gegeben, sondern von Menschen gemacht ist. Das ist durchaus sinnvoll in einer Zeit, die zusehends von globalen und nationalen Verteilungskämpfen um Glück und Wohlstand geprägt ist und in der die kriegerische Auseinandersetzung für die verbliebene Großmacht wieder zur politischen Option geworden ist. »Nicht ein Daimon wird euch erlösen, sondern ihr werdet euch einen Daimon wählen (...) einen Lebenslauf wählen, mit dem ihr dann notwendig verbunden bleibt. Schuld hat, wer gewählt hat; Gott ist schuldlos«, zitiert Udo G. Cordes Platon. Wir selber sind es, die Verantwortung für unser Schicksal zu übernehmen haben und die Welt, oder zumindest den uns zugänglichen Ausschnitt davon, gestalten können. Letztlich bleibt das Individuum allein mit seiner Sinnsuche, denn »wo gestern noch das souveräne Subjekt herrschte, finden sich heute tausend kleine Larvenobjekte, tausend kleine aufgelöste Ichs, tausend Passivitäten und Durcheinander« (Foucault).  Frustriert stellt der französische Philosoph zwar fest: »Ariadne hat sich erhängt«. Gleichzeitig aber plädiert er für ein intensives Denken, das sich als »Tat, Sprung, Tanz, äußerstes Abseits, gespannte Dunkelheit« darstellt. Nur der springlebendige Gedanke führt heraus ins Licht. Als Theseus das dickschädelige Ungeheuer im steinernen Labyrinth erschlagen hatte, klopfte er munter an die Tür des nun funktionslos gewordenen Gefängnisses und ward in die Freiheit entlassen.