Was gibt mir in meinem Leben Halt?
Gefördert durch:

FrageAktion



Endlos-Textband im Collegium Polonicum, Słubice; Foto: Udo G. Cordes


 

Richard Rabensaat

»Was gibt mir in meinem Leben Halt?«, lautete die Ausgangsfrage. »Nur wer Halt im Leben findet und ein gefestigtes Selbstbewusstsein hat, ist auch in der Lage, dem Fremden vorurteilsfrei und offen zu begegnen«, behauptet Udo G. Cordes, der Initiator des Projektes. Antworten aus der ganzen Welt trafen via Internet ein. Nun sind sie auf einem Schriftband von 460 Metern Länge an die Wände des Polnischen Collegium Polonicum in Subice und die Flure der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) geschrieben. Die Frage war an einen breit gestreuten Adressatenkreis gerichtet, die Antworten fielen mannigfaltig aus.

Vielen der Befragten gelingt es, abseits der weit verbreiteten markt- und markenorientierten Heilslehren ganz individuelle Haltepunkte zu finden. Während André erklärt, seinem Leben gäbe das Wissen Halt, dass es nach dem Gestern und dem Heute noch ein Morgen gebe, verbindet BUCCO die Worte Künstlerische kreative Tätigkeit, Optimismus und Zufriedenheit zu einer Grafik, die letztlich auf das Wort Glaube hinaus läuft. Manche nennen Nahe-Liegendes: Familie, Freunde und Verwandtschaft. Andere finden sogar in ›Buffy the Vampire Slayer‹ eine Lebensstütze.

Das Spektrum der Antworten spiegelt die ganze Breite der unterschiedlichen Lebenswelten der Befragten wieder. Offensichtlich gibt es nicht mehr nur die eine Antwort, das eine für alle verbindliche Sinnsystem, dem sich der einzelne unterordnet und aus dem er in seinem Alltag Halt bezieht. Auch in einer demokratisch verfassten Gesellschaft fällt es nicht immer leicht, in der Begegnung mit dem Anderen eine große Chance zu sehen. Die Verschärfungen der Anti-Terror-Gesetzgebung im Zuge der Diskussion des Zuwanderungsgesetzes zeigen gegenwärtig Kristallisationspunkte politischer Weltbilder. Während konservative Politiker im Verein mit dem Innenminister einer allumfassenden Kontrolle das Wort reden, drängen andere Politiker auf ein Einwanderungsrecht, das in der Begegnung mit dem Fremden auch Möglichkeiten eines kulturellen und wirtschaftlichen Zugewinns für beide Seiten sieht. Die Diskussion zeigt, wie wenig es noch selbstverständlich ist, den Wert des Anderen anzuerkennen.

»Ich bin, du bist, er sie es ist, wir sind, ihr seid, sie sind«, formuliert Eskild Beck als Antwort. Die Deklination kann als ein Appell gelesen werden, sich selbst anzunehmen und den anderen zu erkennen und zu akzeptieren.

Manch einer der Befragten erinnert an den Wert des Lebens an sich. »Die Demut vor der Großartigkeit des Lebens und die Hybris, sich und andere glücklich machen zu können«, geben dem Leben von Antje Welp Halt. Die Demut vor dem Leben ist angesichts der massenhaften Morde und Vergewaltigungen in Kriegs- und Krisengebieten, aber auch angesichts der um die Gentechnik geführten Diskussionen eine Tugend, die den verantwortlichen Politikern und Wissenschaftlern zu wünschen ist.

Die mit dem modernen Kapitalismus einhergehende besinnungslose Produktionsethik, die ein ›Immer Mehr und Immer Beliebiger‹ auf ihre Fahne geschrieben hat, wird immer zweifelhafter. Alte Sicherheiten drohen zu zerbrechen.

Dennoch nennen die Teilnehmer der FrageAktion im Rahmen des Goetzen-Projektes keine postmodernen Fetische als Ankerpunkte. Freundschaft, Familie und das gegenseitige Vertrauen in den Anderen sind offensichtlich noch immer präsente und wirklichere Werte als die von Werbung und Medien immer wieder aufs Panier gehobenen Statussymbole.

Auch die beteiligten Künstler der GoetzenHäuser schaffen mit ihren Werken Arrangements, in denen sie immer wieder auf den Wert des Einzelnen und die Bedeutung des friedvollen Miteinanders für eine respektvoll kommunizierende Gesellschaft verweisen.