Michael Reiter
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Entdeckung der Anderen



Dr. Michael Reiter

Religionswissenschaftler, Berlin

 

Die Lage muss aussichtslos sein und mein Zustand verzweifelt, bevor mir dieser Satz in den Sinn kommt: »Ich und die Anderen.« Was muss geschehen sein, bevor ich den Grundriss meiner Welt so zeichne, dass eine Grenze genau zwischen mir und den anderen verläuft. An welchem Ort befinde ich mich, wenn ich allen anderen gegenüberstehe. Am Pranger. Auf der Kanzel. Am Kreuz. Auf der Bühne. Auf dem Schafott. Vor der Kamera. Wie weit und wohin muss ich mich entfernt haben, damit ich diesseits eines Abgrundes stehe und die anderen jenseits. Wie oft muss ich abgewiesen und zurückgestoßen worden sein, wie schmerzhaft muss ich am Widerstand des fremden Eigenwillen, am kategorischen Nein, am Wider-Willen der anderen gescheitert sein. Was für ein Abgrund muss sich geöffnet haben.

Vielleicht war es jener frühe Augenblick der Scham, als ich im Boden versinken wollte, um dem urteilenden Blick zu entfliehen, in dem Mama und Papa oder Bruder und Schwester zum ersten Mal zusammenschrumpften als die großen Anderen. Vielleicht war es das Trotzritual meines verschlossenen, selbstsüchtigen Egos, das sich im wütenden Existieren und in kindlich verstockter Einsamkeit einzurichten versuchte: Alle andern sind blöd. Niemand versteht mich. Mich lasse ich nicht beurteilen. Ich gegen den Rest der Welt. Ihr werdet schon sehen!

Die Entdeckung der anderen mag so verlaufen sein. Was unterscheidet die anderen von einer Ansammlung beliebiger Objekte der gegenständlichen Welt, von Steinen oder Maschinen, von Puppen oder Kunstwerken. Was unterscheidet sie von anderen Lebewesen, von Bäumen oder Tieren, von Hunden oder Affen. Was unterscheidet sie von Traumbildern, von Dämonen oder Figuren auf der Kinoleinwand. Das wird keine bloße Eigenschaft sein, die wie eine Farbe oder ein Geruch dem Objekt zukommt. Es ist auch nicht die Form und die Wärme des Körpers, nicht die Bewegung der Gliedmaßen, überhaupt keine Eigenschaft. Deshalb konnte mit Recht behauptet werden, es sei das Auge, die Gefahr des auf mich gerichteten Blicks, in dem sich die anderen als die großen Anderen enthüllen. Den großen Anderen sehe ich also nicht, ich kann ihn an keiner seiner Eigenschaften erkennen. Vielmehr erlebe ich ihn in dem merkwürdigen Zustand, mich einem urteilenden Blick ausgesetzt zu finden. Nicht einmal diesen Blick kann ich sehen, ich kann ihn nur auf mir ruhen fühlen, in Scham oder Schuld, in Stolz oder Eitelkeit, unter ihm schrumpfend oder wachsend, mich als das Objekt einer Wertschätzung oder Missbilligung erlebend. (…)

(…) Ich und die Anderen, immerhin gibt diese traurige Schmerzensformel der Einsamkeit einen Hoffnungsschimmer. Das verbindende »und« verspricht, den Abgrund überbrückbar und die Grenze überschreitbar zu halten. Die Gegnerschaft, die Feindschaft muss schon abgeklungen sein, bevor sich das entspannte Verhältnis der bloßen Andersheit einstellen kann. Sie, die da, sind nicht mehr das Gegenteil meiner selbst, meine Negation, meine Vernichtung, sondern mein Doppel, das Zweite, das andere meiner selbst. Mit der Anerkennung des Anderen als Anderen ist der entscheidende Schritt schon getan. Mit dem einen und anderen gelingt ja auch das eine oder andere Miteinander. Das Verständnis der gemeinsamen Sprache, der Austausch von Zeichen, das Händewechseln von Gaben, das Wissen um Rechte und Pflichten, Tausch und Vertrag, Konkurrenz und Kooperation, Streit und Versöhnung, Rivalität und Verständigung, bis hin zu seltenem Vertrauen, zu seltener Liebe, all die Fäden, die gleichermaßen als Belästigung wie Entlastung zusammen gesponnen und verknotet das soziale Netz bilden, in das wir verstrickt und in dem wir aufgehoben sind – aufgehoben im Sinne von bewahrt und geborgen, aufgehoben auch im Sinne von erledigt und beendet, uns selbst transzendierend, überschreitend auf Gemeinsames hin. Den Halt finde ich nicht auf sicherem Felsengrund des Unbedingten, des einsam Absoluten. Halt finde ich im schwankenden Netzwerk der Möglichkeiten. Alles könnte immer auch ganz anders sein, dieses Wissen macht Hoffnung in schlechten Tagen und verleiht dankbare Freude in guten. (…)

Wenn der Schmerz der Einsamkeit abgeklungen ist, lichtet sich der Grundriss, den schon die Grammatik unserer Sprache der Welt einschreibt. Ich kann mich nur in einem Geflecht von Verhältnissen denken. Räumlich hier oder dort. Zeitlich früher oder später. Erste Person. Zweite Person. Singular oder Plural. Dritte Person. Männlich, weiblich oder sächlich. Ich und Du. Wir. Ihr. Und ganz zuletzt sie, die da, die Anderen. (…) Und schließlich ich selbst im Verhältnis zu mir als einem Anderen, als demjenigen, der ich einmal war, der ich künftig sein werde, der ich sein will und sein soll und sein könnte und noch nie war und niemals sein werde, und der mich manchmal sehr interessiert und dann wieder überhaupt nicht.

(…) In der Regel befinde ich mich (…) nicht in einer Situation, in der ich den Satz sinnvoll sagen will: »Ich und die Anderen«. Dies ist und bleibt eine künstliche Situation. Vielleicht hilft Kunst (…), uns noch einmal in diese Situation zu versetzen und erinnernd neue Erfahrungen mit der Schmerzensformel der Einsamkeit zu machen. Aber was haben die Künste mit den Anderen zu tun? (…) Eröffnen die Künste nicht sogar einen Raum, in dem wir uns von den Zumutungen der Anderen schützen und befreien, in dem wir mit diesen Zumutungen in ganz und gar unmoralischer Weise spielen, sie als irrelevant zurückweisen? Was findet in den Künsten überhaupt statt?

Experiment der Sinne

Vielleicht beginnt die ästhetische Erfahrung mit jenem ursprünglichen Staunen, das schon seit der Antike auch für das philosophische Interesse herangezogen wird. Es handelt sich um das Staunen darüber, dass überhaupt etwas ist. Und dass es so ist und nicht anders. (…) Neben die alltägliche Bedeutung der Dinge tritt die ästhetische. Die Dinge werden nicht mehr nur unter dem Gesichtspunkt des Gebrauchs daraufhin beurteilt, ob sie nutzen oder schaden, ob sie als Hindernis uns entgegenstehen oder uns als Instrument dienlich sind. Wem die Dinge des alltäglichen Gebrauchs einzig unter diesem Gesichtspunkt gegenwärtig sind, dem fehlt die Distanz der ästhetischen Erfahrung, die sich vorzüglich in den Künsten entfaltet.

Wodurch unterscheidet sich ein Werk der bildenden Künste von einem Gegenstand des täglichen Gebrauchs? Vielleicht ist das entscheidende die Suspension der wirtschaftlichen und technischen Zwecke des Alltagslebens, denen wir die gegenständlichen Dinge normalerweise unterwerfen. Mit dieser Suspension entsteht ein auratischer Raum, in dem die Dinge eine andere Bedeutung annehmen und einen anderen Gebrauch fordern. Hier sind die Dinge nicht mehr nützlich. Das heißt nicht, dass sie plötzlich und grundsätzlich unnütz seien. Aber es steht etwas anderes im Zentrum der Aufmerksamkeit. Unabhängig von ihrem Nutzen werden die Dinge zu einem Ort, an dem etwas zur Erscheinung kommt, an dem etwas sichtbar wird. Was wird sichtbar?

Vor dem Ende der großen Erzählungen waren Künste deren Illustration. Sie bebilderten die Geschichte des Heils, das Geheimnis der Nation, die Natur der Dinge, das Wesen des Menschen, die Vollendung des Fortschritts. Was »bilden« die bildenden Künste, wenn sie derart nicht mehr bebildern und abbilden müssen? Was bringen sie dann noch ins Bild? Nach wie vor gilt, sie zielen auf die Wahrnehmung durch das Auge und sind das Resultat einer das Sichtbare gestaltenden Tätigkeit. Sie zielen auf das Sehen im Unterschied zum Hören, Riechen, Schmecken. Sie spielen mit Linie und Farbe, mit Licht und Schatten, mit Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Es ist aber nicht mehr vorentschieden und vorgeschrieben, welcher Inhalt und ob überhaupt ein Inhalt figurativ sichtbar zu werden hat. Das offene Kunstwerk ist nicht zwangsläufig die Illustration einer großen Erzählung. Es bleibt offen, was erscheint. Der lange umstrittene Weg zur abstrakten Moderne hat die bildenden Künste befreit vom Zwang, überhaupt etwas abbilden zu müssen. Seitdem ist es möglich geworden, den Vorgang von Sichtbar-Werden und zur Erscheinung-Bringen selbst zum Gegenstand des Kunstwerks werden zu lassen. Insofern kann das Kunstwerk ein freies Wahrnehmungsexperiment veranstalten in und mit der gegenständlichen Welt. (…) Die bildenden Künste zeigen uns, wie etwas sichtbar wird. Sichtbar in der Fläche mit Strich und Farbe. Sichtbar im Raum mit Material und Form. Sie sind eine Schule des Sehens. Vielleicht eröffnen sie uns jenen exklusiven Raum, der vom Blick der Anderen befreit ist. In ihm sind wir allein mit der gegenständlichen Welt. Vielleicht besteht darin der auratische Reiz des Kunstwerks, den Anderen abwesend zu wissen und gerade seine Abwesenheit genießen zu können. Der erschütternde Blick ist stillgestellt, so dass wir schamlos sehen können, gegenständlich und voyeuristisch sehen. Das innere Drama, das der große Andere anstößt, bleibt suspendiert. Alles ist gut. Nicht zufällig haben wir im gelungenen Kunstwerk das Gefühl, dass die Dinge so sind, wie sie sein sollen, in sich zur Ruhe gekommen. Statisch. Als eine im Bild erstarrte Szene.

Das sinnliche Wahrnehmungsexperiment mit der gegenständlichen Welt verläuft ohne den Anderen.

(…) In den Künsten sind Experimente möglich, die wir uns im ernsten Leben nicht erlauben können, nicht ohne Risiko des Todes, des Wahnsinns oder des Gefängnisses. In den ästhetischen Experimenten vergewissern wir uns unserer persönlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten. Dazu gehören auch solche Möglichkeiten, die im realen Leben aus guten oder schlechten Gründen verworfen, historisch obsolet geworden oder utopisch fern geblieben sind. (…) Vielleicht haben die Künste etwas geerbt, was im hohen Mittelalter von der Theologie bereits zu einer großen Kunstfertigkeit entwickelt worden ist. Wir kennen aus der Überlieferung die Praxis der mehr-

fachen Schriftauslegung. Die theologische Textdeutung hatte die doppelte Aufgabe, durch die Entzifferung des Buchstabensinns (sensus litteralis) hindurch zur Enthüllung eines verborgenen geistigen Sinns (sensus spiritualis) vorzudringen.

(…) Vielleicht ist genau das heute die Leistung der Kunst: sie macht die opake Wirklichkeit transparent. Die Welt wird durchsichtig auf ihre Möglichkeiten hin. Kulturelle Bildung erweitert unser Wissen von dem, was tatsächlich ist, um das Wissen von dem, was möglich wäre. (…) Wie sind die Dinge gewesen, wie werden sie sein? Sie verlängert unsere Wahrnehmung in Vergangenheit und Zukunft. Sie lässt uns die Welt als Gewordene beschreiben und in ihrer Veränderbarkeit sehen. Kulturelle Bildung erweitert unser Wissen zweitens um die räumliche, die interkulturelle Dimension. Wie sind die Dinge anderswo? Wie machen es die anderen? (…)Die Erweiterung unseres Wissens in die räumliche und zeitliche Dimension von Möglichkeiten erlaubt es, auch die verworfenen Schreckensalternativen und die verfehlten Glücksalternativen zu entdecken. Wie sollte die Welt sein? Wie sollte sie nicht sein? Die kulturelle Bildung lässt uns also drittens die Welt an einem Maßstab des Sollens bewerten. Dies ist von jeher eine Domäne der Theologie gewesen, die ihr aber von der Philosophie, den Geistes- und Kulturwissenschaften streitig gemacht wird.

(…) Kulturelle Bildung besteht darin, die Dinge in einem Bedeutungsraum zu sehen, in dem sie über ihre empirische Beschaffenheit hinaus transparent werden. Die Künste veranstalten sinnlich ästhetische Experimente. Dazu bedarf es keiner religiösen Bildung, keiner scholastischen Übung. Das alles lässt sich auch ohne den religiösen Kontext, ohne den Ernst des Unbedingten denken.

Ernst des Unbedingten

Insofern Kunst und Kultur einen Raum eröffnen, in dem alles immer auch ganz anders sein könnte, erziehen die Künste geradezu zur skeptischen Gelassenheit. Wir respektieren Götter und Götzen als mögliche kulturelle Äußerungen, ohne uns von ihnen mit dem Ernst verpflichten zu lassen, der ihnen als religiöse Äußerungen zukommt. Gerade diese Toleranz verfehlt wohl das Wesen der Religion. Die Toleranz kennt nicht die Gefahren des Glaubens. Sie sieht nicht, dass religiöse Leidenschaften eine aggressive Seite haben können und vermutlich auch haben müssen. Was Religion als Religion auszeichnet, ist ihr innerer Wahrheitsanspruch. Kultur scheint demgegenüber nur der Name für all jene Dinge zu sein, die wir praktizieren, ohne wirklich an sie glauben zu müssen, ohne sie ernst zu nehmen, ohne ihnen die Intensität des Unbedingten zu verleihen. Wo Kultur zur zentralen lebensweltlichen Kategorie geworden ist, bleibt Religion nach wie vor möglich, aber nicht als eine substanzielle Lebensweise, sondern nur als Lifestyle-Phänomen, als eine Art und Weise, wie wir unseren Gefühlen Ausdruck verleihen. In der Kultur müssen wir nicht wirklich gläubig sein, solange wir bloß einige Rituale und Sitten befolgen. Deshalb werden kultivierte Bürger ihrer dekadenten Gleichgültigkeit, ihrer Indifferenz in letzten Dingen gescholten. Angesichts der religiösen Leidenschaft für’s Unbedingte erscheint die politisch korrekte Toleranz als leblos, blutleer, indifferent. Insofern ist Religion nicht bloß ein Teil der Kultur, sondern das Fremde, das Unbegreifliche, das Intensive, das gefährlich Andere.

Vielleicht bleibt religiöse Toleranz etwas Unmögliches, eine Zumutung ähnlich den Glaubenszumutungen der Religionen selbst. Religiöse Inbrunst und kulturelle Gelassenheit schließen sich wohl gegenseitig aus. Deswegen werden fundamentalistische Gläubige als kulturfeindliche Barbaren wahrgenommen – einfach deswegen, weil sie es wagen, ihre Überzeugungen so ernst zu nehmen, für sie so einzutreten, dass sie bereit sind, dafür zu opfern, sich und andere. Man rufe sich die Empörung in Erinnerung, als Taliban buddhistische Statuen sprengten. Obwohl niemand in der aufgeklärten Welt an buddhistische Gottheiten glaubt, waren wir empört, weil die Taliban kulturellem Erbe den Respekt verweigerten. Ihrer eigenen Religion verpflichtet waren sie nicht besonders empfänglich für den kulturellen Wert von Denkmalen anderer Religionen. Dann sind Buddha-Figuren Götzenbilder, keine Kulturgüter. Als Kulturgüter schätzen kann man religiöse Symbole erst dann, wenn sie gleichgültig geworden sind, wenn sie uns nicht mehr unbedingt angehen, uns nicht mehr ergreifen und keine Leidenschaften mehr wecken.

Kulturgüter lassen sich konsumieren. Wir können selbst entscheiden, wann und wo, in welchem Ausmaß und welcher Intensität. Dies betrifft auch unser Verhältnis zu anderen Menschen. Die liberale und tolerante Einstellung zum Anderen eliminiert die Gefahr des Andersseins. Der andere ist erträglich, solange er nicht wirklich anders, belästigend und erschütternd anders ist. Solange er in seinem Anderssein von mir nichts unbedingt fordert und mich nicht grundsätzlich in Frage stellt. Toleranz impliziert das Recht, unbehelligt zu bleiben und andere auf Distanz zu halten. Dies hat sich als zentrales Menschenrecht in unseren Gesellschaften herausgeschält. Und genau das provoziert die terroristische Gewalt derer, die uns zeigen wollen, dass sie uns unbedingt angehen. Religion hat das, was uns unbedingt angeht, im Kult eingehegt und gebändigt. Der Weg vom Kult zur Kultur war lang. Was unterwegs verloren ging, holt uns möglicherweise jetzt in der freigesetzten Form entfesselter Gewalt wieder ein.