Peep Pillak
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Ich und die Anderen



Peep Pillak

Historiker und Archivar, Tallin (Estland)

 

Jeder Mensch ist ein einmaliges und einzigartiges Wunder – ein »Ich«. Sind aber alle weiteren »Ichs« von meinem Standpunkt aus vollständig »Andere«? Weltweit steht jedes »Ich« in Bezug zu den »Anderen« im Verhältnis eins zu ungefähr sechs Milliarden, was für jede dieser sechs Milliarden »Ichs« eine und die selbe unveränderliche Größe bedeutet. Es scheint, dass dieser globalen Gegenüberstellung des »Ichs« und der »Anderen« jeder größere Sinn fehlt. Außerdem ist ein Mensch, allein vom Standpunkt seiner Gattung aus gesehen, nichts Einmaliges, nichts was nicht auch in einem anderen zu finden wäre. Einmalig ist jeder einzelne Mensch als unwiederholbare Kombination wiederholbarer Elemente. Da der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist, kann er seine soziale Existenz nicht auf der Konfrontation gegen alle »Anderen« aufbauen, sondern bemüht sich vielmehr, »Andere« zu finden, mit denen er etwas Gemeinsames, Verbindendes hat. In der heutigen Welt ist es notwendig, zu irgendeinem sozialen System zu gehören, um mit dem Leben überhaupt zurecht zu kommen und das eigene »Ich« zu verwirklichen.

Schon von Geburt her geraten wir in ein festes soziales System, und die Bindungen, die uns mit ihm vereinigen, hängen nicht von uns selbst ab. Diese Wahl wird vielmehr von Mächten getroffen, die außerhalb unseres Willens stehen. Ihren Anteil daran haben hierbei natürlich unmittelbar die Eltern, die Großeltern und ihre Entscheidungen. Aber mehr noch wird sie von der Natur und auch vom Lauf der Geschichte gestaltet. Zum Zeitpunkt der Geburt können wir weder unsere Hautfarbe, die Augen- oder Haarfarbe, das Geschlecht, noch die Nationalität, den Stand oder die Staatsangehörigkeit wählen, die nicht unwesentlich die Entwicklung des Einzelnen bestimmen. Dies aber bedeutet bei weitem nicht, dass der Mensch einzig und allein von diesen Zufällen der Geburt abhängig wäre. Heutzutage ist es bei einem starken Willen sogar möglich, die Hautfarbe und das Geschlecht zu ändern, von der Haarfarbe, der Staatsangehörigkeit oder dem Glauben ganz zu schweigen. Neben dem, was die Geburt uns mitgegeben hat, verändert sich das »Ich« durch unsere eigenen Entscheidungen, die freilich von dem sozialen System beeinflusst werden, in dem wir leben. Der Glaube, den wir annehmen, der Familienstand, für den wir uns entscheiden, die politischen Kräfte, die wir unterstützen, die ästhetischen Werte, die wir für richtig halten, der Beruf und die Freizeitbeschäftigungen, die wir wählen, sind Faktoren der persönlichen Entwicklung. Je freier ein Mensch in seinen Entscheidungen ist, ganz gleich, ob er später in seinem Leben die durch die Geburt getroffenen Vorentscheidungen revidiert, desto stärker und ausgebildeter ist sein »Ich«. Wenn wir bestimmte Entscheidungen treffen, müssten wir das Gegenteil der getroffenen Wahl ausschließen. Dies verlangt für gewöhnlich auch das soziale System. Wenn wir heiraten, sollten wir uns nicht wie Ledige verhalten, wenn wir der katholischen Konfession angehören, sollten wir nicht den muslimischen Riten folgen, wenn wir rechte Ansichten haben, sollten wir nicht die Linken unterstützen, wenn wir den Beruf eines Richters oder Polizisten ergreifen, sollten wir sicher nichts tun, was uns in Konflikt mit den Gesetzen bringt.

Zur Entstehung, Erhaltung und Entwicklung eines sozialen Systems ist die Existenz eines »Wir«-Gefühls notwendig, dem unvermeidlich ein größerer oder kleinerer Teil der Wahlfreiheiten des »Ichs« geopfert werden muss. Ein »Wir« kann nur dann entstehen, wenn das »Ich« sich nicht vor allem darum bemüht, den »Anderen« die Stirn zu bieten, sondern vielmehr die Verbindung und die Identifikation sucht. Es ist möglich, die Konfrontation des »Ichs« mit den »Anderen«, die naturgegeben in jedem Menschen vorhanden ist, mittels eines sozialen Systems durch eine Konfrontation des »Wir« gegen die »Anderen« zu sublimieren. Neben den Verflechtungen innerhalb eines sozialen Systems ist es sicher eine wesentliche, das »Wir«-Gefühl stärkende Kraft, sich den außerhalb des sozialen Systems Befindlichen gegenüberzustellen. Gerade für totalitäre Systeme ist das übersteigerte Bestreben charakteristisch, das »Wir« und das »Sie« zu polarisieren, denn ein starkes »Wir« in den Vordergrund zu stellen, ist gleichzeitig ein wirksames Mittel, das »Ich« zu unterdrücken.

Das sich auf der Basis fester Merkmale bildende oder geformte »Wir«, das sich abhebt von den außerhalb des »Wir« stehenden »Anderen«, ist in einem bestimmten Zeitpunkt unveränderlich, das heißt eine sichere zählbare Größe. Beispielsweise gibt es in einem bestimmten Augenblick eine abgegrenzte Menge von Menschen mit schwarzer oder nicht-schwarzer Hautfarbe oder eine feste Anzahl von durch den Beruf definierten Fischern und Nichtfischern.

Das »Ich« und die »Anderen« sind in ein und demselben Zeitpunkt aber veränderliche Größen, da das »Ich«, je nach unterschiedlichen Merkmalen, vollständig verschiedenen sozialen Systemen zugehörig sein kann. Ein nach der Hautfarbe einer bestimmten Rasse definiertes »Ich«, nehmen wir an ein »Weißer«, entdeckt im selben Augenblick jene, die der Hautfarbe nach »Andere« waren, dem Beruf nach aber jetzt zu »Uns« gehören. Wenn man als Beispiel die Ärzte nimmt, so können wir sicher sein, dass unter ihnen alle Hautfarben vertreten sind. Wenn wir das »Ich« nach dem Glauben bestimmen, finden wir uns wiederum in einer vollständig neuen Gemeinschaft wieder, in der Amt und Hautfarbe, Nationalität, Staatsangehörigkeit, Familienstand, politische Anschauungen, Arbeit oder Hobby keine entscheidende Bedeutung besitzen.

Es scheint, dass das »Ich« mehr und mehr im Stande ist, sich verschiedenen sozialen Lebensgemeinschaften zuzuordnen und gemeinsame Züge zu entdecken. Je weniger Sprache, Kultur und Geschichte trennen, sondern verbinden, desto vielfältiger, reicher und offener müsste das »Ich« selbst sein. Es müsste toleranter sein in Bezug auf »Andere«, denn die »Anderen« sind ja eine sich ändernde Größe, die durch die Wahl des »Ichs« zum »Wir« werden. Je freier »Ich« in meinen »Wir«-Entscheidungen bin, desto kleiner und leichter überwindbar ist auch der Gegensatz zwischen dem »Ich« und den »Anderen«.