Krzysztof Wojciechowski
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Ich und die Anderen


Foto: Heide Fest


Dr. Krzysztof Wojciechowski

Direktor des Collegium Polonicum, Słubice

 

Als ich siebzehn, achtzehn, neunzehn Jahre alt war, reiste ich viel in der Welt herum. Ich reiste allein, weil ich so die Anderen treffen konnte.

Es hält ein Auto an, ich steige in eine kleine Welt ein, die ein anderer Mensch füllt. Als Tramper habe ich das Recht zu schweigen, oder mich auf ein paar Standardfloskeln zu beschränken. Aber neben mir sitzt der Andere, sitzt ein anderes Tier, das andere Nahrung zu sich nimmt, andere Tränken aufsucht, andere Balzrituale hat, sitzt ein anderer Heiliger, der für Hundert litt, sitzt ein anderer Herrscher, der über einen Hund, Katze, zwei Kinder regiert, sitzt ein anderer Kosmos mit anderen Sonnen und einer Schar Planeten. Zwei Stunden gemeinsamer Fahrt und meine Wanderung durch Dschungel, Imperien, Galaxien. Mit der Zeit fing ich bei dem Anblick eines Autos an zu zittern. Als ich einstieg, zitterte ich so, dass meine Stimme vibrierte und meine Zähne leicht klapperten. Gleichzeitig zeigte der Körper Anzeichen der höchsten Erregung, so wie bei einer erotischen Annäherung.

Später wusste ich nicht einmal mehr, durch welche Gegend wir gefahren sind, aber der Gesichtsausdruck, die Worte, die Falten um die Augen blieben für Jahrzehnte im Gedächtnis.

Die Karte meines Lebens ist eine Karte der Treffen mit Anderen. Menschen als Städte, Menschen als Seen, Flüsse, Kanäle, Menschen-Autobahnen, Menschen-Hügel, Menschen-Gipfel, Menschen-Höhlen, Menschen-Findlinge, Menschen-gefallene Bäume. Schwere Geographie, die Mühe des sich Durchkämpfens durch Raum und Zeit, aber eine Landschaft, wie man sie sich schöner nicht vorstellen kann.

Ein sehr, sehr großer Kreis der Unseren. Fast die ganze Erdkugel gehört zu mir. Und fast alle Anderen sind die Unseren. Fast.

Die Empfindung des Fremden. Ich erinnere mich an einen überfüllten Bus, der auf einer Landstraße irgendwo in Zentral-Indien den Staub aufwirbelt. Auf den angrenzenden Feldern ziehen Rinder die Pflüge, Kinder gehen zur Schule. Diese Anderen sind die Unseren. Dann die Haltestelle. Wie aus dem Nichts erscheint eine Gruppe Anderer. Diese Anderen sind anders. Von einem anderen Wind umweht, auf andere Weise von dunklem Teint, die Haare anders zerzaust, die Füße anders barfuss. Nomaden? Ein atavistischer Stamm von hinter den sieben Bergen? Wahrscheinlich keine Parias, weil sie stolz sind. Anders stolz.

Sie steigen ein. Mit angsterfülltem Respekt rutschen die Unseren-Anderen zu den Seiten, machen auf dem Boden direkt vor mir Platz. Die Anderen-Anderen setzen sich. In dem bekannten Kosmos entsteht ein kleines Loch und in ihm ein anderer Kosmos. Einer der Anderen-Anderen setzt sich so, dass er mit seinem Schenkel leicht meine Fußspitze einklemmt. Vielleicht berührt er mit seinem Körper nur meine Zehen, aber ich könnte schwören, dass er mir meinen halben Fuß zerquetscht, dass er mir mein Bein zerquetscht, so dass es sofort einschläft, dass er mich ganz zerquetscht, ja, so, dass ich keinen Atem mehr bekomme. Die Berührung durch den Anderen-Anderen ist schrecklich. Sie brennt und beißt gleichzeitig. Sie ist Feuer und künstliches Eis zugleich. Ich möchte schreien, irgendein Wahnsinn überflutet mich bis zum Bauch, tritt in meinen Brustkorb ein und ergreift meinen Kopf. Gleich werde ich etwas rausziehen müssen – ein Messer, eine Gabel, einen Stock, alles gleich, Hauptsache spitz – und es dem Anderen-Anderen in den Rücken rammen. Gut, dass er mich nicht beachtet, weil die Anderen-Anderen alle dicht zusammensitzend einen Kreis der Eigenen-Anderen bilden. Wenn er sich umdrehen und mich anschauen würde, müssten wir innerhalb einer Sekunde entscheiden, wer wen als erstes anfällt. Er ist aber mit den Seinen beschäftigt und ich habe etwas Zeit, um meine Gedanken zu sammeln.

Was ist los mit dir? Du schwärmst doch immer so für die Anderen... Bist du an eine Grenze gestoßen? Eine Grenze wovon? Wenn diese Grenze irgendetwas umschließt, dann gibt es innerhalb keine Anderen, nur die Unseren. Die wirklich Anderen sind außerhalb.

Wie empfindest du diesen wirklich Anderen? Du empfindest ihn wie ein Tier. Dir ist so, als säße auf deinem Fuß zufällig ein Tiger, oder Wolf, oder Krokodil. Du hast Angst, dich zu bewegen, um nicht die Aufmerksamkeit auf dich zu lenken, weil du weißt, dass die bewusste Anwesenheit des wirklich Anderen nur eines bedeuten kann: Kampf.

Schäm dich, du bist doch nicht etwa irgend so ein Entarteter? Moment, Moment, mein Gefühl sagt mir, dass gerade deine Grenzen großzügig viel Platz für die Abgrenzung der Unseren von den Anderen – also den Fremden – lassen. Wenn also sie enger gezogene Grenzen haben, dann müssen sie auf wesentlich näher stehende so reagieren, wie du auf die nach Wind riechenden Nomaden reagiert hast. Ist es möglich, sich auf seinen Nachbar werfen zu wollen, auf den, der gekommen ist, um die Wichtigkeit der Dokumente zu überprüfen, auf den, der eine andere Sprache spricht und nur ein kleines Stück hinter dem Grenzpfahl wohnt?

Scheinbar ist es möglich. Wenn du den Nomaden umbringen wolltest, obwohl du das niemals vermutet hättest, können andere ihren Nachbarn umbringen wollen, einen Mann in Uniform, den, der eine andere Sprache spricht. Obwohl sie es selbst nie vermutet hätten.

Das Überlagern der Welten. Gleichzeitig existieren breite Welten, mit Milliarden von Unseren, schmalere Welten, mit genauso vielen Unseren und Fremden, ganz schmale Welten – ein Grüppchen Unserer in einem Meer der Feinde. Und all das sind menschliche Welten. Früher bist du in der weiten Welt herumgereist, jetzt ist es an dir, diese Welten zu verbinden, zusammenzukleben, zu verzahnen, mit Fäden und Schnüren zu verknüpfen, kleine Rinnen und Kanäle zu bauen, einen Flickenteppich zu schaffen und das alles, um aus dem fremden Anderen einen Unseren zu machen.

Wie man das macht?

Das ist nicht so klar, weil jeder Schritt eine Manipulation dieser Grenze und ein Antasten der Ruhe anderer bedeutet. Du berührst nur die Grenze und schon werfen sie sich auf dich, weil du ihnen etwas weggenommen hast, oder etwas gegeben hast, was sie überhaupt nicht wollten, weil du ihnen ein paar der Ihren genommen, oder ein paar Fremde auf ihr Territorium gelassen hast, die mit Sicherheit nur Schlechtes im Schilde führen. Woher kommt all die Energie in ihnen? Woher diese Hartnäckigkeit im Verfolgen und Anvisieren der Fremden, woher diese Blindheit im Verteidigen der Eigenen? Immer nur Mühe, Mühe und noch einmal Mühe...

Ach, wie schön wäre es, diesen geheimnisvollen Kniff zu finden, der jedes Tier innerhalb und außerhalb der Grenze zahm macht, ein Elixier zu finden, das – einen Tropfen für jeden – sie sanft machen, ihre Gedanken aufhellen und ein Lächeln im Angesicht eines jeden Anderen hervorrufen wird...

Endlose Suche, Versuche, Untersuchungen.

Aber es gibt eine gewisse Freude in diesem Handwerk, eine langsam voranschreitende Perfektion, eine Zufriedenheit, dass zwar die eigenen Erzeugnisse unvollkommen sind, aber immer besser werden, dass dieser Kosmos von immer mehr Unseren-Anderen und immer weniger Anderen-Anderen bevölkert sein wird.

Und du selbst. Du wirst älter, hölzerner, sehniger. Du fährst nicht mehr per Anhalter, steigst nicht in einen Kosmos sondern in ein bekanntes Auto ein, zitterst nicht mehr, sondern greifst diesem einstmals Heiligen geschickt durch den Hals in die Lunge, das Herz und den Magen und holst wohlgeübt aus seinem Inneren das heraus, was du brauchst.

Aber es gibt ein Bild, das mich begleitet, ein blödsinniger Traum, den weder der Verstand, der nächste Geburtstag, noch das mich mehr und mehr bewachsende Fett aufhalten kann.

Ich stelle mir vor, ich wäre eine allmächtige, in der Leere des Kosmos schwebende Kreatur. Wahrscheinlich würde ich mich etwas langweilen. Ich schüfe ein großes Terrarium und in ihm eher kleine, ein paar Zentimeter hohe Lebewesen auf zwei Beinen. Ich würde sie aus der Hand füttern, die Unseren und die Fremden vermischen, die Verfeindeten trennen und die Unentschiedenen mit einem Streichholz zu großen Taten anschubsen. Vor allem aber würde ich vor der Scheibe des Terrariums sitzen und gucken, gucken, gucken...

Abgesehen von diesem Terrarium hätte ich keine Lust, irgendetwas anderes zu schaffen.