Herbert Schirmer
Gefördert durch:

Ich und die Anderen



Herbert Schirmer

Journalist, Lieberose

 

Mein Verhältnis zu den Anderen wird eher von unvoreingenommenem Respekt vor den Spielregeln des Zusammenlebens und von Aufrichtigkeit gegenüber jedermann als vertrauensbildende Maßnahme geprägt. Was ich dabei als Bereicherung erfahren habe, hat mein Denken beeinflusst, hat mich durch die Vielfalt der Erscheinungen zur Annahme pluralistischer Muster geführt und mich davor geschützt, anderen meine Maßstäbe überzustülpen. Im Gegenteil. Es war das Anderssein, das mich anzog, der Austausch der Gedanken, der mich sensibilisierte, meine antrainierten Daseinsmuster kritisch zu hinterfragen und mit den – vom engen Horizont der DDR aus betrachtet – eher unorthodoxen Lebensauffassungen der Anderen zu vergleichen.

Voneinander lernen war in allen Begegnungen, ob mit Polen, Russen, Chilenen oder Schweizern, auch vor 1990 angesagt. In fast allen Fällen hat sich aus dienstlicher Zusammenarbeit eine freundschaftliche Verbindung entwickelt, die den privaten Bereich mit einschloss. Ich erinnere vertrauensvolle Gespräche, in denen neben Literatur und Kunst die Gemeinsamkeiten und die nicht zu übersehenden Unterschiede einen wesentlichen Platz behaupteten, und die vom Rotwein beflügelt, in der pathetischen Fragestellung mündeten, wie wir miteinander leben wollen. Es waren glückliche Momente, wenn es Übereinstimmung gab und wenn die Nähe zu den Anderen es mir ermöglichte, über mich selbst zu lachen. Durch die Begegnungen und die Reflektion des Andersseins habe ich Dinge über mich erfahren, die mich in die Lage versetzten, mich selbst besser zu beurteilen und zu korrigieren, denn in diesen nächtlichen Dialogen begegneten mir unterschiedlich ausgeprägte Erscheinungen von Zivilcourage, von Seelenstärke und von Selbstbewusstsein, das durch die eigene Existenz und weniger durch den Schein ideologischer oder nationaler Identität gedeckt war. Im osteuropäischen Vorposten des Kalten Krieges sozialisiert und durch ein allgegenwärtiges Grenzsystem mit einer mythischen Demarkationslinie paralysiert, geriet ich in einen positiven Konflikt zur DDR, in der Disziplin, mehr noch Gehorsam vor der Obrigkeit als sozialistische Tugend galt und wo permanent niedrige Gesinnung durch falsche Erhabenheit verdeckt wurde, wo kollektive Überbewertung oder Ausgrenzung an der Tagesordnung waren. Diese Janusköpfigkeit trieb nicht nur seltsame Blüten gegen die als Feindbild klassifizierten (West)Deutschen. Gegen die polnischen Nachbarn, mit denen man im offiziellen Jargon brüderlich verbunden war, hatten nach der Gründung von Solidarnosz, Argwohn und Abgrenzung, chauvinistische Polenwitze und Ressentiments Konjunktur. Mit der Verhängung des Kriegsrechtes 1981 wurden derlei verbale Attacken sogar ausdrücklich gebilligt. Wolfgang Kil hat später »diese schäbige Überheblichkeit als die Erbsünde im Verhältnis der Deutschen zu den Polen«1 bezeichnet. Ein Erbe, das nachwirkt und die Frage nach dem Maß an erkennbarer Übereinstimmung und auszuhaltender Unterschiede aufwirft. Trenne ich mich von menschlichem Hochmut und Misstrauen und bekenne mich zur Achtung vor dem Nächsten und dessen Entscheidungen? Der ungarische Schriftsteller und Weltbürger Györgi Konrad hat das Verhältnis der sich aus der Individualität schaffenden Persönlichkeit zu den Anderen für mich auf den Punkt gebracht, als er mit Blick auf das zusammenwachsende Europa und seine Bürger schrieb: »Der freie Mensch ist gelehrig, er besitzt die Fähigkeit, sich selbst zu beurteilen, zu korrigieren und vielleicht auch auszulachen, er verhehlt nicht in falschem Jargon die Unterschiede, aber er ist bereit, zu verhandeln, Kompromisse und Verträge zu schließen…« Was sich wie eine Bedienungsanleitung zu demokratischem Verhalten liest, was auf Achtung vor uns selbst und vor den anderen fusst, könnte ich mir ebenso gut als eine Grundregel in der Hausordnung der größer gewordenen europäischen Staatengemeinschaft vorstellen.

_____

1 (Land ohne Übergang. Deutschlands neue Grenze. Berlin 1992. S. 73