Ojars Sparitis
Gefördert durch:

Ich und die Anderen. Bemerkungen eines Augenzeugen des 20-sten Jahrhunderts.



Prof. Dr. Ojars Sparitis

Akademie der Künste, Riga (Lettland)

 

Die Konfrontation, die aus dem Titel dieses Artikels hervorgeht, möchte das lettische Volk gerne aus seinem Wortschatz, aus seinem Bewusstsein und aus seiner Geschichte ausschließen und der Vergessenheit überliefern, wenn es sein Leben wieder neu beginnen und zum Nullpunkt der Zeitrechnung zurückkehren könnte. Doch solange noch die im zwanzigsten Jahrhundert aufgewachsene Generation lebt, kann in ihrer Erinnerung weder eine Zäsur, noch das Gefühl einer neuen Ära eintreten, denn die Schmerzen und die Unbill sind reell dagewesen. Wir können über die Vergangenheit schweigen, wir können uns bemühen, darüber nicht zu denken, wir können sie vergessen. Doch können wir sie nicht als ungeschehen betrachten und hinstellen.

In acht Besetzungen im Zeitraum von hundert Jahren ist unser Land von fremden Stiefeln getreten worden, sind Blutbade angerichtet, Leute aus den Wohnorten vertrieben oder zur Flucht veranlasst worden. Die Besatzer haben unsere Leute in die Reihen ihrer Streitkräfte zwangsrekrutiert und damit erneuten Widerstand gegen die Gewaltherrscher ausgelöst, die das neutrale baltische Land zum Kampffeld der Austragung ihrer politischen Ziele gewählt haben. Die Esten, Litauer und auch die Letten haben den bitteren Becher bis zum Bodensatz ausgekostet und wissen genau, was Konfrontation bedeutet (...).

Mit Seitengewehren, Gewehrkolben, mit Verschleppungen und Folterungen sind unsere Eltern belehrt worden, dass sie sich auf dem Grenzgebiet zweier Zivilisationen, auf der Grenze zweier Religionslager – des westlichen römischen Christentums und der mit der tatarischen Unbarmherzigkeit liierten Byzantinischen Orthodoxie – zwischen zwei Mentalitäten, zwischen »Sein oder Nichtsein« befanden. Wir – die Nachgekommenen – spüren (...) noch immer diese Drohungen, die in Worten verfasst, mit bedeutsamen Gesten betont, mit geheimnisvollen Andeutungen, mit Kräftedemonstration und offenen gewalttätigen Angriffen zum Ausdruck gebracht werden, damit wir nicht einen Moment vergessen, dass den Drohungen wieder eine Konfrontation folgen kann. Die Begriffe ›wir‹ und ›die Anderen‹ können sich vielfach ändern, je nachdem welche Seite sie gebraucht.

Ja, wir fürchten uns unaufhörlich vor der im Osten aufgehenden blutroten Sonne, vor der ›roten Pest‹, vor der ›roten Gefahr‹, vor dieser auf rücksichtslose proletarische Diktatur begründeten rechtlosen Despotie, die uns zeitweilig hat glauben lassen, dass barbarischer Zerstörungswille die Widerstandskraft der um die Zivilisation besorgten Völkerschaften übertrifft.

In allen Staaten der sogenannten Paktzone, die aufgrund der geheimen Zusatzprotokolle des Hitler-Stalin-Paktes vom 23. August 1939 besetzt und in das als Sowjetunion benannte russische Imperium einverleibt wurden, haben die Repressivmaßnahmen der Besatzer gegen die Einwohner und auch die Vernichtung der auf höherem Wohlstands- und Kulturniveau befindlichen Wirtschaft jeden Keim des von der bolschewistischen Propaganda beschworenen Vertrauens verdorren lassen.

Am Ende des Krieges, als die deutschen Streitkräfte sich aus dem von ihnen besetzten Osteuropa zurückzogen, geriet das lettische Volk, das die deutschen Truppen als Befreier von der ›roten Pest‹ gefeiert hatte, wiederum in die Besatzungszone des barbarischen östlichen Nachbarn. Unter den Fahnen der Besatzer kämpften auf beiden Frontseiten etwa 200.000 Letten, von denen etwa die Hälfte den Tod fand. (...)

Aber schon 1944 begann im Baltikum, etwas später auch in Polen, der Tschechei und in Ungarn gegen die wiederholte Besatzung ein bewaffneter und unbewaffneter, wie auch ein aktiver geistiger Widerstand, den wir – die ehemaligen Besetzten – als nationalen Partisanenkrieg bezeichneten.

20.000 Partisanen standen unter Waffen, die von weiteren 80.000 Letten aktiv und freiwillig unterstützt wurden. Zu ihrer Bekämpfung wurden mehr als 30.000 Mann sowjetischer Sondereinheiten eingesetzt, die mit modernen Waffen ausgerüstet waren. Im Jahre 1947 berichtete das Staatssicherheitskomitee, dass in Lettland 22.548 Partisanen und deren Helfer »neutralisiert« wurden, 12.753 Widerstandskämpfer gefallen und politisch verurteilt worden sind. (...)

Die nationalen Partisanen hatten kaum eine reelle Möglichkeit, die Sowjetunion zu besiegen. Dennoch setzte sich diese Bewegung bis 1956 fort. Hinsichtlich des Überlebens war der Partisanenkrieg die tödlichste Art eines Freiheitskampfes für ein kleines Volk. Doch verteidigten sie 12 Jahre lang ihr Heimatland. Die Widerstandsbewegung erschwerte den Besatzern die geplante Sowjetisierung des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens in Lettland und verschob auch die Kolonisierung der ländlichen Gebiete und Kleinstädte, die durch erhebliche Bevölkerungsverluste, verursacht von der Besatzungsmacht, entleert waren. Die Bolschewisten, die von der größten Militärmacht der Welt unterstützt wurden, konnten den Widerstand nur mit gewaltiger Übermacht unterdrücken. Doch im geistigen Kampf hatten sie keine Aussicht auf einen Sieg. Der bewaffnete Partisanenkrieg wandelte sich zu einem gewaltlosen Widerstand, der das ganze Baltikum erfasste und 1991 mit der von aller Welt anerkannten Erneuerung der politischen Selbstständigkeit gekrönt wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die baltischen Staaten von sowjetischen Militärs, wirtschaftlichen Flüchtlingen und ideologischen Aufsichtsbeamten überflutet. Ihre Anwesenheit währt hier schon drei Generationen. Während die in Lettland zurückgebliebenen Besatzer als »Befreier« eine Politik des physischen und psychologischen Terrors gegen das Volk des eroberten Landes ausübten und diese als »Kampf gegen den Faschismus« begründeten, flammten im Bewusstsein ihrer Nachkommen bei jeder Konfliktsituation sofort das vom Syndrom des »idealen Sowjetmenschen« genährte soziale, ethnische und physische Überlegenheitsgefühl auf. Sie strapazierten immerfort das Feindbild des Letten, der als Einwohner des besetzten Landes sowohl auf sozialem als auch auf kulturellem Niveau zu ignorieren ist. Für ihre Unlust, in der Sprache des Besatzers zu antworten, hat der Vorsitzende des KGB in Cesis (Wenden) im Herbst 1944 der 23-jährigen Gaida Gulbe eine Kugel ins Gesicht gejagt.

In jedem Einwohner des Baltikums sahen die gewalttätig eingebrochenen Besatzer einen Feind, den sie als ›Faschist‹ oder ›Hans‹ beschimpften. Auch die Konfiszierung einer Flasche Branntwein zum eigenen Wohl rechtfertigten die Besatzer mit ihrem »antifaschistischen« Auftrag. (...) Noch heute findet man auf den Wänden in Russisch geschmierte Losungen »Schlagt die Hänse«. Im Namen dieser imperialistischen Ideen wird heute ein parlamentarischer Kampf um die Legitimierung der russischen als zweiten Amtssprache fortgesetzt. Zur Erreichung dieses Zieles werden Schüler, sowohl Rentner und ausgediente Militärs, die in den Kriegs- und Nachkriegsjahren in Lettland angesiedelt wurden, herangeholt, um in politischen Auftritten, provozierten Unruhen, neofaschistischen rowdyhaften Ausschreitungen und Diversionen ihre Besatzerrechte zu verteidigen. Wir hören auch, wie russisch-sprechende Zuzügler sich bei ihren Volksgenossen beklagen und dabei meinen: »Lettland ist schön, es ist gut hier zu leben, doch es gibt zu viele Letten.«

In meinen Kindheitserinnerungen gibt es Episoden aus der Schulzeit, als an Tanzabenden um die 1. Mit-

telschule in Jurmala mit Knüppeln bewaffnete Jugendliche aus der Kaugernschen russischen Mittelschule aufkreuzten und einzelne unserer Schüler auf dem Rückweg nach Hause angriffen und erbarmungslos verprügelten. Es kam auch vor, dass bei feierlichen Veranstaltungen Steine in die Fenster flogen. In meinem späteren Berufsleben kam ich in Berührung mit russisch-sprechenden Beamten, die in ihrem mehr als 30-jährigen Aufenthalt in Lettland sich nicht die Mühe gegeben haben, auch nur ein Wort lettisch zu lernen. Auf der Straße forderten diese »Übermenschen« russisch angesprochen zu werden, denn sie »verstünden nichts in dieser Hundesprache«. In der Enge eines Verkehrsmittels hört man oft einen hasserfüllten Wortwechsel, der nach einer beleidigenden Phrase seitens der Besatzer in einen ungefähr so klingenden Dialog übergeht:

Lette: Wenn es Ihnen hier nicht gefällt, fahren Sie doch lieber nach Hause.

Russe: Ich bin gekommen, um hier zu bleiben und zu leben, doch die lettischen Schweine stören mich.

Lette: Schämen Sie sich nicht, hier zu leben, wo ihr so viele Leute verschleppt habt?

Russe: Zu wenig sind von euch verschleppt und erschossen worden. Mit allen hätte man kurzen Prozess machen sollen.

Im Höhepunkt des nationalen Selbständigkeitskampfes 1990/91, als die Sowjetunion zusammenbrach, waren sich die russisch-sprechenden militärischen und zivilen Zuzügler unsicher über ihr Schicksal. Sie begriffen in ihrem Unterbewusstsein, dass sie nun diesen bequemen wohlständigen Lebensraum zu verlassen hätten. Ihre fünfte Kolonne begann sofort mit der Produktion von aggressiven Losungen, die sie an die Wände schlugen oder als Flugblätter in Briefkästen warfen. Deren Inhalt erinnerte an die herkömmlichen Konfrontationsideen des Hitler-Stalin-Paktes, die kein Russisch-Sprechender sich öffentlich mehr traute auszusprechen: »Schlagt die Hänse! Wenn jeder von euch einen Letten erschlägt, wird das schöne Lett-land wieder für immer unser sein!«

Zehn Jahre später – im November 2000, etliche Tage vor der Selbständigkeitsfeier Lettlands – brach eine bewaffnete Gruppe russischer Neofaschisten in die Rigaer St. Pertrikirche ein und hängte im Turm mit Hakenkreuz- und Sowjetsymbolen ausgemalte Fahnen aus. Dieses war eine geplante Provokation, die nur dadurch keinen Anklang fand, weil über Riga an dem Tage dichter Nebel lag.

Was geschieht in Lettland und im Baltikum heute, einige Monate vor dem Beitritt zur EU? Lettland ist die Brücke, das Fenster zu Europa, wie es 1710 Zar Peter I genannt hat. Das Baltikum ist das Paradies, in dem man es sich bequem machen kann und ohne irgendwelche Pflichten gegenüber dessen Einwohnern leben kann. Nur ihre Rechte möchten sie erweitert sehen – Rechte ohne Pflichten, so wie es im Bewusstsein der Zuzügler verankert ist. Nach Russland zurückkehren – nie! Dieses lassen die Gedanken eines zum Teil europäisierten und im Baltikum integrierten östlichen Zuzüglers auch in den schlimmsten Alpträumen nicht zu.

Der Osten drängt im Sturm nach Europa – als Touristen, als Gauner, als Zuzügler, als Arbeits- und Glückssuchende. Die müden und schlaffen Machtinstitutionen Europas werden mit Petitionen und Rechtsanforderungen von den »Rechthabern« und »Recht-Spezialisten« der ehemaligen Sowjetunion bombardiert. Unter Vermittlung der UNO, der UNESCO, der Handels- oder anderer Zusammenarbeitsinstitutionen überflutet die Armee der russisch-sprechenden Migration die ganze Welt, anfangs unmerklich als Flüchtlinge der in der DDR stationierten russischen Armee und deren Verwandten, danach immer spürbarer und sichtbarer in ihren Forderungen nach Immigrationsvisen, sozialen Wohnungen, Hilfsprogrammen in Polen, Tschechien, Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich, Schweden, Finnland, England, USA und sogar Australien. Sie sind überall. Und warum sollten sie es nicht sein, wenn sogar unter den Studenten Russlands und der Ukraine die Ansicht herrscht, dass der Sinn eines Diploms nur in der sofortigen Ausreise liegt. Einerlei wohin, nur fort von Russland. Ich war selbst gegen meinen Willen Zeuge eines Gesprächs im Bahnhof Helsinki, wo ein russischer Zuzügler seinen Volksgenossen ausführlich darüber informierte, wie er zu einer Einreise in Finnland gelangen, welchen Nutzen er hier ziehen und wie leicht er die finnischen Einreisedienste um eine soziale Unterstützung übertölpeln kann.

Was sagt die Welt dazu? Denkt sie überhaupt daran? Mir scheint, sie schläft einen langen, trägen Schlaf der Selbstzufriedenheit. Was müsste geschehen, um sie davor aufzuschrecken? Vielleicht soll ich laut rufen: »Jedem Land sein Brighton-Beach wie in New York!« Aber wird es verstanden werden?