Lydia Lange
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Ich und die Anderen



Lydia Lange

Sozialpsychologin, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin (bis 2004)

 

Zu den Anderen gehörten immer Menschen, denen ich mich anschließen wollte. Als ich eingeschult wurde, war ich neugierig auf die anderen Kinder meiner Klasse. Ich wurde als ostpreußisches Flüchtlingskind 1945 in einer vogtländischen Dorfschule eingeschult. Zunächst war ich das einzige Flüchtlingskind in der Klasse, und jedes Mal, wenn ich den Mund aufmachte, und das war häufig der Fall, gab es Gelächter oder Grinsen wegen meines Dialekts. So lernte ich früh, dass man es den Anderen zeigen müsse und dazu boten sich alsbald Gelegenheiten. Als die ersten Diktate geschrieben wurden, zeigte sich, dass der ostpreußische Dialekt dem vogtländischen klar überlegen war, wenn man so schrieb wie man sprach, was wir alle mehr oder weniger taten. Durch gute Schulleistungen konnte man die Anderen dazu bringen, dass sie einen respektierten und vielleicht sogar um Hilfe anflehten, z.B. beim nächsten Diktat abschreiben zu dürfen. Anderen Flüchtlingskindern im Dorf ging es offenbar ähnlich und so hielten wir zusammen, zumal sich unsere Mütter regelmäßig trafen und ihre Erfahrungen bei der Nahrungsbeschaffung austauschten. Ängstlich achteten wir darauf, dass kein Flüchtlingskind schlecht in der Schule war, denn das hätte unserem Ruf geschadet. Unsere einzige Möglichkeit, uns zu behaupten, waren die Schulleistungen.

Bald konnte ich fließend vogtländisch sprechen, wenn ich mich auch hütete, es zu schreiben. Nun erfüllte ich eine wichtige Voraussetzung, mich mit örtlichen Repräsentanten zu identifizieren. Früh wählte ich dazu eine Möglichkeit, die heute weltweit verbreitet ist. Ich fieberte mit der lokalen Fußballmannschaft. Noch heute kann ich mich erinnern, wie vor 55 Jahren die SG Theuma/Großfriesen die SG Rebesgrün mit 8:0 besiegte. Leider erwies sich das Identifikationssymbol Fußballmannschaft auf die Dauer als ungeeignet für mich. Zum einen durfte ich nicht mitspielen, zum anderen zeigten sich die örtlichen Fußballgrößen, sobald man sie im Alltag aus der Nähe betrachtete, grobschlächtig und unfein im Verhalten. Die Mannschaft soff nach jedem Sieg und sang dabei unanständige Lieder.

So kam ich wieder auf die Bildung. Dafür konnte man selbst etwas tun. Ich hatte bemerkt, dass gebildete Menschen, z.B. meine Lehrer oder der Arzt im Nachbardorf, freundlich zu mir waren und dass sie einen humorvollen Eindruck machten. Unter solchen Leuten wollte ich künftig verkehren. Ich lernte fleißig und legte viele Prüfungen mit sehr guten Noten ab, um dann später zu merken, dass keineswegs alle Gebildeten freundlich und humorvoll waren, sondern manche gemein und verbissen.

Zum Übergang in die Oberschule musste ich in ein Internat in einer sächsischen Kleinstadt. Wieder war ich neugierig und erwartungsfroh auf meine Klassenkameraden. Und diesmal wurde ich nicht enttäuscht. In kurzer Zeit hatte ich mehrere Freundinnen in meiner Klasse, in die ich deshalb jeden Tag gern ging. Meine Freundinnen kannten sich gut im Ort aus, sie wussten sogar Manches aus dem Privatleben der Lehrer. Kam ein neuer Lehrer oder eine Vertretung, wussten meine Schulfreundinnen schon im Voraus, welche Eigenarten diesen Lehrkräften zugeschrieben wurden. Wir kicherten gemeinsam im Unterricht, wenn der betreffende Lehrer die Macken offenbarte, die seinem vorausgeeilten Ruf entsprachen. Für kurze Zeit in meinem Leben habe ich zu den Eingeweihten gehört, dank meiner Schulfreundinnen in jener Kleinstadt.

Dieser glückliche Zustand fand bald ein Ende gleichsam aus politischen Gründen. In der DDR war es ein psychologisches Risiko, sich mit der eigenen Gruppe zu identifizieren. Man wusste nie genau, wer am nächsten Tag noch da war. Alle meine neuen Schulfreundinnen zogen nach und nach innerhalb weniger Monate mit ihren Eltern in den Westen. Damals musste man solche Übersiedlungen noch nicht in jedem Falle vorher geheim halten, und so verabschiedeten sich meine Freundinnen alle herzlich von mir, ehe sie in den anderen Teil Deutschlands gingen. Ich aber merkte nun, in welchen trostlosen und öden Ort ich geraten war.

In meiner Not versuchte ich es mit virtueller Identifikation. Man ist ja bei der Suche nach Identifikationsmöglichkeiten nicht auf die nächste Umgebung beschränkt. Romane und Filme waren auch in jener Kleinstadt in großer Auswahl zugänglich. Die Romane von Stendhal und Rolland und die Filme mit Michèle Morgan und Gérard Philipe erweckten in mir die Vorstellung, dass Frankreich und die Franzosen das Kulturvolk seien, mit dem man sich identifizieren könne. Ich wollte Romanistik studieren. Aber auch aus dieser Identifikationsmöglichkeit wurde nichts Konkretes, ich wurde für das Studienfach Romanistik nicht angenommen. Es gab dann noch zahlreiche weitere Identifikationsversuche mit »Anderen«. Alle schlugen irgendwie fehl. Entweder man mokierte sich über mich, wie seinerzeit die Dorfkinder, war misstrauisch über meine Motive, schloss mich von vornherein aus, wie die Romanisten, oder ich fand die Leute, die ich zunächst bewunderte, schließlich enttäuschend, wie die Fußballgrößen von Großfriesen. Nach mehr als 40 Jahren dachte ich mir, ich könnte es ja mal weltweit versuchen, über das world wide web.

Ich wählte ein Thema, das mir speziell genug erschien und an dem ich interessiert war. Dann suchte ich im Internet nach einer Diskussionsgruppe zu der spannenden Frage, wie es sich mit der Grabstätte der Eltern von Georg Friedrich Händel auf dem Stadtgottesacker in Halle verhält. Ich malte mir aus, dass ich bald eine Reihe von Zuschriften netter Menschen bekäme, die alle irgendwie an dem Thema interessiert wären. Es dauerte nicht lange und meine e-mail-Box war voll von unerbetenen Briefen und unerwünschten Angeboten, wie, mir Viagra zu schicken, einen akademischen Titel auf dem Gebiet der Musikwissenschaft zu kaufen, große Geldvermögen aus Nigeria vorübergehend auf meinem Konto zu parken oder mir Pornos anzusehen. Verschiedene Einladungen zu blind dates waren auch dabei, aber es war leider keine darunter, wo der Stadtgottesacker von Halle als Treffpunkt vorgeschlagen wurde.

Zwar bin ich immer noch auf der Suche nach Identifikationsmöglichkeiten mit Anderen, aber jetzt versuche ich, mich altersgerecht zu verhalten. Vielleicht habe ich nun eine Gruppe gefunden, der ich mich zugehörig fühlen kann. Mit dieser könnte ich mich bis zu meinem Lebensende identifizieren. Es ist meine Altersgruppe, die Alten. Ich fühle mich angesprochen, wenn es heißt, die Alten zocken ab, was den Jungen zusteht. Wenn ich höre, die Gesellschaft überaltere, beziehe ich das auf mich und frage mich, was wird, wenn ich älter werde als man anständigerweise darf. Es gibt auch noch Andere von meiner Sorte, offenbar sehr viele, manche meinen sogar, zu viele. Ich möchte gern etwas mit meiner und für meine Identifikationsgruppe tun und habe mich bereits nach verschiedenen Tätigkeitsfeldern in diesem Bereich umgesehen. Aber was ist, wenn ich irgendwelche Aufnahmekriterien nicht erfülle? Wenn ich nicht den richtigen Dialekt spreche, nicht das richtige revolutionäre Bewusstsein habe, keine nette Verwandtschaft (»Haben Sie Kinder? Nein??!!«), wenn ich nicht in der richtigen Gegend wohne, mich nicht für Unterhaltungssendungen interessiere und dies nicht sagen darf, wenn ich nicht gern in rauchigen Kneipen sitze? Dann kann ich immer noch, solange ich noch gut sehen kann, einen Roman von Stendhal lesen oder mir einen alten Film mit Gérard Philipe ansehen. Und wenn ich nicht mehr gut sehen kann, kann ich mir mit Kopfhörern ein Händel-Oratorium nach dem anderen in voller Lautstärke in das Innenohr dröhnen lassen. Halleluja! Wie schön, dass man in dieser Zeit immer leichter mit Personen aus der Vergangenheit kommunizieren kann, wenn auch leider nur einseitig.