Reinhard Jirgl
Gefördert durch:

Industrie für Andersheit – Notate zu einem bürgerlichen Dilemma



Reinhard Jirgl

Schriftsteller, Berlin

 

Das principium individuationis brachte die Idee vom Anderen hervor; einen Topos bürgerlicher Weltsicht, der seinerseits sich zurückführen lässt auf das Vor-Industriezeitalter der Kolonialeroberungen (Conquista). So finden sich atavistische Elemente im Industriezeitalter, zu dessen Beginn bereits seine erste Krise stand, weil die Goldschwemme aus überseeischen Kolonien den Wert des Goldes auf dem europäischen Binnenmarkt ins Bodenlose stürzen ließ. Daher bezieht bürgerliches Selbstbewusstsein im Industriezeitalter seine Stärke aus vorindustrieller Krisen-Erfahrung und deren Überwindung. Hostilität in Verbindung mit ökonomischen Krisen aber sind seither zwei Grundbausteine für das bourgeoise Unterbewusstsein.

Merkmal des bürgerlichen Charaktertyps ist sein Differenzierungsvermögen in Eigenangehöriges und in den eigenen Charakter hereingenommene und ihn bereichernde Andersheit. So vermag er sowohl in der von ihm okkupierten Fremde als auch in sich selbst »Freundschaftslinien« herzustellen, die auf eine Unterscheidung zwischen bürgerlich zivilisiert und barbarisch hinauslaufen: Freund-Feind-Dualismus als Dynamo bürgerlichen Rationalisierens, von der Technik/Technologie über die Bürokratie bis zu den Vernichtungslagern, dem Verwerten der Substanz.

Der bourgeoise Vitalismus ist das Geschäftsprinzip für den Warenzyklus: Recycling als Zivilisations-kriterium. Dem entgegen gestellt ist die zugerichtete Erinnerung (das Geschichtsgedächtnis als Pathos) ein Totenkult – die mittels Feierlichkeit geschmückte Vergangenheit als das Seitenstück zur Gefräßigkeit industriellen Kannibalismus.

Die gesellschaftliche Motorik sorgte für begriffliche Spaltung: Im Gegensatz zum System-Fremden erweist der Andere – als die Gegenvorstellung zu Ich – seine diskursive Integrier- und damit Kontrollierbarkeit in den Prozess fortschreitender Welt-Verbürgerlichung. Dabei bleiben naturgemäß erhebliche Reste von Nichtintegrierbarem zurück. Diesen kognitiv und diskursiv unbindbaren Anteilen fällt die Bedeutung des Fremden zu, was sodann mit bedrohlich zusammengeht und alles Fremde zur Projektionsinstanz unbewusster Ängste erhebt: Fortan wird dem Fremden an Motiven und Taten all das zugeschrieben, was man sich selbst bereits angetan hat oder, in die eigene Pflicht genommen, sich anzutun gezwungen sieht – der Stachel heißt »Innovationsspirale«. Und weil alle Fremdheit des Fremden selbst den Antrieb für die bürgerlichen Zugriffe auf alles Nichtbürgerliche hergibt, ist das Fremde ein Attraktor für die Fortentwicklung von Bürgerlichkeit selbst: die militärische und wirtschaftliche Unterwerfung der Welt.

Darin bildet das Phantasma des Anderen innerhalb des abendländischen Zivilisationsprozesses den Arbeitsgegenstand, so als karitatives Objekt – von der »Seelenrettung« durch Missionare bis zu den Reparationsleistungen nach einem verlorenen Krieg – hin zur Aufbereitung als merkantiles Objekt. Im Reich-Arm-Gefälle in einer zunehmend entgrenzten Welt formen neue Okkupationsweisen sich aus: In Umkehr der Verhältnisse zu den Kolonialzeiten jetzt der Tourismus als Welt-Besatzung von arm durch reich. Das verheißene Ziel ist nicht mehr die Bereicherung durch Beute, sondern die Ökonomie der Verausgabung.

Da spätestens seit Ausrufung des Totalen Kriegs auch dem Arbeitscharakter innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft Totalität zukommt, was jegliches Daseinsmoment in die »Innovationsspirale« wie in einen Mahlstrom reißt, muss solcher Seins-Lage als erstes das Ich zum Opfer fallen. Hierher gehört auch der erniedrigte Begriff der Flexibilität. Ursprünglich als Nachgiebigkeit gegenüber Ich-widrigen Verhältnissen verstanden, um nach dem Verschwinden solcher Widrigkeiten sogleich in die Ich-eigene Konfiguration zurückzukehren, setzt dies ein gefestigtes, tief im Selbst verwurzeltes Ich voraus. Innerhalb der totalen Arbeitswelt heißt Flexibilität die Abrichtung von allzeit kompatiblen Personeneinheiten, die ohne Skrupel jeglichem Machtverhältnis als dienstbar sich erweisen. Statt Flexibilität folgt hieraus Liquidität, darin allemal liquidieren anklingt.

Dessen Konsequenz, die bereits Goethe im Begriff der »Übereilung« als Metapher für das triumphierende Bürgertum fasste, heißt das Fehlen jeglicher Möglichkeit zum Erreichen eines gesellschaftlichen wie persönlichen Zustands von Reife.

Kennenlernen hieß seit jeher das Er-Kennen des Anderen in sich. Notwendigerweise hätte dies das sokratische Erkenne-dich-selbst zur Voraussetzung; jenes kohärente Ich, das Erkenntnis (Wissen zum Denken) überhaupt erst ermöglicht. Ohne diese erfüllte Voraussetzung keine Begegnung mit dem Anderen, weder Freundschaft noch Verantwortung noch Begehren; Transvestitentum und Transsexualität – »I am my own wife« – als Kurzschluss der Lust und Verlöschen des Wunsches nach geschlechtlich Anderem; es bleibt die allumfassende, narzisstische Regression. Mit anderen Worten: Zukunft als Horizont für die Begegnung mit dem Anderen findet sich durch sich selbst entwertet.

So verstehen sich auch jene zunehmend hektischen Reisetätigkeiten von Massen als Touristen. Dabei sind die heimgesuchten Orte »weit in der Welt« vom Design der Tourismusunternehmen, jener Industrie für Andersheit, den Durchschnittskenntnissen über Touristen-Mentalitäten gemäß längst aufbereitet und damit verdorben worden. Im 16. Jahrhundert haben die Azteken gegen die einfallenden Conquistadoren sich noch gewehrt – heute findet die Touristen-Conquista, wohin sie kommt, die Welt eigens für sie bereits vorpräpariert zu Angebotspaletten aus exotics, sensations und events voll der rücksichtslosesten Folklore: industriell produzierte Andersheit. Aus dieser Struktur vermag auch der zum »Nichttouristen« rührend sich selber stilisierende Reisende niemals auszubrechen.

So wenig wie hinter der Maschinen-Arbeit die Freiheit des Arbeiters wartet, so wenig wartet unterm totalen Arbeitsregime hinter dem Tourismus auf den Reisenden die Andere Welt. Hinter Arbeit und Reise findet sich stets nur immerfort noch einmal dasselbe. So bleibt von all seinen Reisen der Tourist grundsätzlich unverändert, zudem Veränderung im eigenen Selbst verinnerlichte Erfahrung speichern hieße. Der Tourist aber hörte auf, Tourist zu sein, griffe irgend lebendige Reise-Erfahrung auf seinen Alltag über. So versiegelt der Massentourismus die Welt, indem er den Anderen im Verausgabungsprinzip verschwinden lässt. Damit kehrt der Tourist nach seiner Reise nicht einmal mehr zurück, denn einerseits war er eigentlich nicht fort, anderseits ist er überall, wo er hinkam, auch schon gewesen. Allzeit nahe Ferne beschert den Orten in der Welt ihren zunehmenden Aura-Verlust.

Weil alles Hingehen in die Welt der produzierten Andersheit letztlich enttäuschend, alles Hinhören tautologisch geworden, alles Hinsehen einzig das eigene Abbild wiederzugeben scheint, und dies um so mehr, als die Überwindung geo- und topografischer sowie politischer Widerstände von Welt (Verkehrs- und elektronische Vernetzungen sowie verschwundene Staatsgrenzen) immer besser gelingt, das Andere vom Fremden gespalten wurde, liegen in solchem Paradox neuerlich auch die Quellen für Hass gegenüber jeglichem Fremden begründet.

Wobei die Muster solchen Fremdenhasses, weil Geschichtsdenken in Zusammenhängen weitgehend verlorenging, immer dieselben sind, finden sie aktuell sich reanimiert im Begriffskonstrukt vom Islamismus. Der übernimmt kongruent die Rolle der »jüdischen Weltverschwörung« von einst: die heißt jetzt »Al-Qaida«, die »assimilierten Juden« sind die »Schläfer« etc. Und entspricht jene von den Medien derzeit als Erzfeind der westlichen Welt namens »Bin Laden« vorgeführte Gestalt mit allen Merkmalen ihrer Physiognomie nicht auffallend den NS-Propagandaklischees vom »jüdischen Untermenschen«?!

Gewiss, einerseits geschehen Partisanen- und Terroranschläge weltweit, anderseits entsteht das medial vermittelte Feind-Bild. Erstes ist die Wirklichkeits-Wahrheit, zweites die Begriffs-Wahrheit, und sie bildet Akzeptanzmuster alles Vermittelten in der Gesellschaft. Bildmedien stellen derzeit nicht nur das fälschungsintensivste, sondern auch das rigideste Material: Man hat am Feind-Bild wenig ändern müssen, und die kruden Muster von einst verfangen erneut...

Feindschaftskategorien bestimmen stets in verstärktem Maß gesellschaftliches Leben in dessen Zustand von Unreife. Und jene totalisierende Industrie für Andersheit produziert eine gesellschaftspolitische Schimäre: Aus dem Fundament westlicher Massendemokratie, wie deren Giftmüllexporte in die Dritte Welt, den Faschismus.

Fazit. Industrie für Andersheit lässt nur zu, was i.e.S. Nicht-Ich ist; daraus folgend Trauer, Melancholie und Aggressivität des »genichteten Ich«. Zugelassen, d.h. merkantil verwert- und somit kontrollierbar, sind dabei nur jene folkloristischen »Andersheiten«, die den Vorstellungen vom »Anderen« durch das ausgetriebene Ich zu entsprechen haben, also ursprünglich selbst Bestandteile des Ich gewesen sind, das jedoch seinerseits als Subjekt-Instanz entwertet wurde. Um wahrgenommen zu werden, muss Ich immer weiter »anders« werden, als Ich das von sich weiß und will: ein Ich-Warenangebot aus kompatiblen Fertigteilen zur allfälligen Selbst-Verfremdung.

Aus diesem abgedunkelten Wissen von Ich-Selbst zugunsten verfügter Okkupation all dessen, was Nicht-Ich war, Ich aber zu sein hat und mithin mir gleich sein soll, erwachsen neuerlich Potentiale von Feindschaft. Hier kann nur der Rassist das scheinhumane Argument von der Gleichheit aller Menschen und Rassen reden, darf er doch darauf vertrauen, dass schon der oberflächlichste Blick auf die Andersheit der Rassen – ein Afrikaner sieht eben nicht aus wie ein Europäer – ihm daraufhin die Eskalierung des Rassismus garantieren wird.

Der heute einzig authentischen Form von Ironie, der katastrophischen, zufolge treiben die neuen, forcierten Globalisierungsstrategien im selben Tempo uralten Ausgrenzungsweisen all dessen zu, was ohne vermittelbare Differenz als Fremdes in seiner Identität verbleiben will. So dringen in hochtechnisierte, moderne Lebensweisen wieder zunehmend uralte, barbarische Zustände herein, und das ursprünglich Zivilisation stiftende Unterscheidungsvermögen von eigenangehörig und anders stürzt durch aggressives und totalisierendes Welt-Nivellierungsbestreben selbstzerstörerisch in sich zusammen. Darin besteht das eigentliche Dilemma der bürgerlichen Kultur, und das 21. Jahrhundert als Zukunftshorizont für fortschreitend gedachte Humanisierung der Welt ist somit weit in die Fiktion verschoben.

Daher inmitten solcherart Kalamität zu allen letzten Worten noch ein letztes Wort: »Mehr Ich!«