Bożena Chołuj
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Feinde, Fremde, Andere...


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Prof. Dr. Bożena Chołuj

Germanistin, Literaturwissenschaftlerin, Warschauer Universität (Institut für Germanistik und außerdem noch Gender Studies, die sie leitet) sowie Lehrstuhl für Vergleichende Mitteleuropastudien an der Europa Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)

 

In der Einleitung zum Sammelband »Die Konstruktion des Anderen in Mitteleuropa. Diskurse, politische Strategien und soziale Praxis« schrieben wir im Jahre 2000: »Es stellt sich hierbei die Frage, wie man in rechtlichen, sozialen, politischen und ökonomischen Integrationspraktiken mit dem Konflikt umgeht, welcher auch in der Konstruktion des Anderen nicht aufgehoben wird.«1

Zum Anderen gibt es keinen Pendant und vielleicht hat es deswegen im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt der ostmitteleuropäischen Staaten besondere Konjunktur. Dieser Mangel provoziert nicht zum bipolaren Denken, zum Denken in Oppositionen. Das Wort der Andere erscheint als unbrauchbar, wenn man Gegensätze hervorheben oder Fronten aufbauen will. Vielleicht ist dies einer der wichtigsten Gründe, warum es in politischen Reden oder interkulturellen bzw. internationalen Beziehungen so gern gebraucht wird. Man will offensichtlich auf diese Weise mit ihm Konflikte vermeiden. Der Andere ist mittlerweile zum festen Bestandteil der friedfertigen Politikreden in Europa geworden, er gehört zur political correctness.

Jedoch dort, wo das fehlende Antonym zum Anderen sich als problematisch erweist, weil man in internationalen Kontakten auf Dinge stößt, die man nicht anerkennen will, greift man immer noch zum erprobten Wort das Eigene, etwa in der Kopftuch-Debatte in Deutschland oder in dem offiziellen Umgang mit der Fremdheit, von der rechtlich Abstand genommen werden soll. Die Berufung auf die Paragraphen zur »Anerkennung der kulturellen Eigenheit« in den EU-Mitgliedsstaaten hat diese Funktion. Das haben polnische Frauen erfahren, als sie sich im Februar 2002 mit dem offenen Brief von 100 Frauen an das Europäische Parlament wandten..2 Anna Diamantopoulou, EU-Kommissarin für Arbeits- und Sozialpolitik der EU, geht in ihrer Antwort nicht auf das Problem der mangelnden Demokratie in Polen ein, in der die Frauen kaum Mitspracherecht in ihren Angelegenheiten haben, sondern bezieht sich auf kulturelle Unterschiede in der Interpretation der Abtreibungsfrage: »I realize that this intrepretation can vary among Member States depending on different philosophical, moral or legal approaches and on diverse national cultures which are essential towards building Europe.«.3 Diverse, Diversity werden langsam zu Worten, mit denen nicht nur die Fremdheit, sondern sogar das Problem des Andersseins vermieden wird. Die Anerkennung der kulturellen Eigenheit im internationalen Verkehr bedeutet zwar die Anerkennung der Vielfalt, was zur Entspannung internationaler Beziehungen führt, gleichzeitig aber ist das ein Hinweis darauf, dass auf Differenzen innerhalb dieser Kulturen nicht geschaut wird, und dass keine Bereitschaft besteht, sich mit den negativen Effekten dieser Differenzen für einzelne Gruppen auseinander zu setzen. Die Geschichte des Briefes der 100 Frauen ist nur ein Beispiel dafür, wie das positiv Gemeinte die Wege zu Veränderungen versperren kann. Diamantopoulous Antwort verweist einerseits auf die Anerkennung der Unantastbarkeit der Kulturen, andererseits aber zeugt sie davon, dass solche Begriffe wie diversity oder kulturelle Eigenheit unscharf sind. Hinter ihnen kann sich etwas Inakzeptables verbergen, worüber man hinweg schaut, wenn das Wort »anders« fällt. Die Überstrapazierung des Wortes der Andere kann zur Verharmlosung von Problemen und Konflikten führen, welche sich aus der traditionellen Differenzierung der Gesellschaft ergeben. Es wird allzu oft vergessen, dass die Konstruktionen des Anderen ein Ergebnis von sozialen Relationen sind und als solche sind sie »unvermeidlich mit Macht und Dominanz verbunden, denn die Klassifizierung der Menschen bedeutet nicht nur Zuschreibung, sondern vor allem die soziale Situierung des Klassifizierten in eine Machtstruktur«.4 Es verwundert daher nicht, dass der soziale und politische Umgang mit dem Anderen oft an den mit dem Fremden erinnert.

Totalitäre Regime, auch das kommunistische, strebten eine klare Abgrenzung von dem Fremden, den Fremden an, unter anderem dadurch, dass sie Andersdenkende ideologische Feinde des Systems nannten. Die daraus resultierende binäre Sicht ist in politischer Praxis zu einer Denkgewohnheit geworden, die in Polen sogar in der Solidarno-Zeit ihre Früchte trug: Man unterschied z.B. zwischen »denen da oben« und »uns«, die mit der kommunistischen Nomenklatur nichts gemein hatten bzw. haben wollten. Damals diente es der politischen Konsolidierung im antikommunistischen Untergrund. Heute steht diese Denkweise den Transformationsprozessen im Wege, in denen eine Differenzierung und nicht so sehr eine Polarisierung vonnöten ist. Dies ist in den politischen Wahlkämpfen in den letzten Wahlperioden deutlich zutage getreten. Die politische Kultur ist immer noch durch scharfe Gegensätze gekennzeichnet. Je nach politischer Konjunktur werden den gleichen Parteien und denselben Funktionären das eine Mal positive, das andere Mal negative Bilder zugeschrieben, was zur politischen Desorientierung bei den Wählern und Wählerinnen führt und apolitische Haltungen verfestigt. Dadurch verlieren die Regierenden an Einfluss auf große Bevölkerungsteile, etwa auf die Bauern, die voller Vorbehalte gegen den EU-Beitritt sind, trotz der offiziellen Befürwortung seitens der Regierung. Die Regierung musste daher die katholische Kirche als die einzige Institution, die noch über solch einen Einfluss verfügt, um Hilfe bitten, um beim EU-Beitritts-Referendum im Juni 2003 ein positives Ergebnis zu erzielen.

Die Zuschreibung von Fremdheit geht nur noch selten von den Parteien oder den Staatsorganen aus. Die Politiker, die mit diesem Begriff zu operieren suchen, wie die Liga der Polnischen Familien, haben nur sehr wenige Anhänger. Die Bezeichnung fremd ist nicht mehr von den politischen Machtgremien einsetzbar. Sie ist in Kreisen verfügbar geworden, die sich außerhalb der Politik bewegen. Dort dient sie zur Gruppen- und Elitenbildung. Doch je mehr Kooperationen für diese Kreise notwendig sind, desto häufiger sind sie bereit, von fremd zu anders überzuwechseln. An diesem Wandel im öffentlichen Diskurs lässt sich der Weg zur Ausdifferenzierung der Gesellschaft erkennen, welcher im westlichen Europa weiter fortgeschritten ist.

Der Umgang mit dem Anderen verpflichtet nicht zur Auseinandersetzung, die im Falle der Fremdheit zwingend ist. Das Fremde wird entweder abgelehnt oder angeeignet. Bei der Aneignung verliert es seine Fremdheit. Der Andere darf dagegen anders bleiben. Die Koexistenz mit dem Anderen kann jedoch nur dann weniger problematisch als die mit dem Fremden sein, wenn man mit dieser Bezeichnung tatsächlich den Anderen und nicht den Fremden meint.

Aus den Erfahrungen, die ich mit der Fremdbestimmung in der Zeit vor 1989 machte, ergeben sich wahrscheinlich meine Schwierigkeiten mit der übli-chen Verwendung der Begriffe fremd, der Fremde, Fremdheit. Ich kann sie nicht in Bezug auf andere Nationen und Kulturen oder ihre Vertreter bringen. Dies erkenne ich immer wieder, seitdem ich an zwei Universitäten arbeite, an der Warschauer, an der die Zahl der ausländischen Studierenden immer noch sehr gering ist, und an der Europa-Universität Viadrina, die ihren Status als internationale Universität pflegt. Meine Fremdheitserfahrungen verbinden sich mit all dem, was im Widerspruch zu meinem Wertesystem steht und mich kaum zum Erkunden, zum Kennenlernen der Fremdheit animiert. Befremdend wirken auf mich vor allem Menschen, die sich an undemokratischen Machtverhältnissen beteiligen oder auf sie beharren. Fremd sind mir auch Machenschaften von einzelnen Personen und Interessengruppen, durch die andere Menschen benachteiligt werden. Deren Einstellungen und Handlungsweisen weise ich von mir, und das nicht nur deswegen, weil ich es verabscheue, sondern auch aus Angst vor Manipulation, vor Instrumentalisierung meiner Person, die der Ausgrenzung anderer dienen soll.

Ich weiß aber auch – wie Judith Butler in »Das Unbehagen der Geschlechter« schreibt – dass die Kultur ohne Ausgrenzung nicht auskommen kann, dass sie auf Grund permanenter mehr oder weniger subtiler Ausgrenzungsstrategien entsteht.5 Jede Art Ausgrenzung nimmt dem Ausgegrenzten die Chance, die Privilegien der ausgrenzenden Gruppe zu genießen. Glücklicherweise gibt es unterschiedliche Ausgrenzungsstrategien. Die eine wäre die, welche die Einzelnen durch die Zuschreibungen wie fremd oder auch anders an den Rand drücken, um auf diese Weise geschlossene Gruppen zu bilden.6 Die andere wäre die, den Anderen die Entscheidung zu überlassen, ob sie sich an neuen Initiativen beteiligen wollen, wenn sie genügend Informationen über diese erhalten. Man gibt ihnen die Chance, eine sich herausbildende Gruppe durch eigenes Engagement zu unterstützen. Wenn sie Desinteresse zeigen, schließen sie sich selber aus. Solange die Ziele nicht offen dargelegt, sogar vor anderen verheimlicht werden, haben die Anderen keine Möglichkeit, sich dem Neuen anzuschließen. Im Gegenteil, die eine Gruppe bewahrt sich die Entscheidungsmacht, wen sie aufnimmt und wen nicht. Wenn aber die Sache selber im Zentrum steht, für die sich Menschen engagieren können, bildet sich eine Gruppe auf Grund individueller Motivation heraus, und jeder behält die Freiheit, sich zurück zu ziehen.

Ein Vorläufer dieser Denkweise ist der deutsche Anarchist und Schriftsteller Franz Jung, der in seinen Büchern über das Glück für individuellen Aktivismus plädierte.7 Sein Konzept liest sich – wenn man von dem expressionistischen Stil absieht – wie eine moderne Einleitung zur Entstehung von civil society. Etwas später, 1935, entwickelte der polnische Mikrobiologe jüdischer Herkunft, Ludwik Fleck, die Lehre vom Denkkollektiv, das sich an der Entstehung und Entwicklung wissenschaftlicher Tatsachen beteiligt.8 Beide Konzepte lassen sich komplementär denken. Das eine hebt das individuelle Engagement des Einzelnen, seinen aktiven Einsatz hervor, das andere verweist darauf, dass sich jeder je nach Weltanschauung, Erkenntnisstand und moralischer Vorstellung mehr oder weniger an der Produktion von Wissen beteiligen kann. In beiden Fällen ist eine Voraussetzung unentbehrlich: der Zugang zu den Gruppen, die Aktivitäten entwickeln. Dies kann nicht anders als durch einen intensiven und freien Informationsfluss geschehen. Er ermöglicht, dass sich auch Andere, ja sogar Fremde den Initiativen oder Aktivitäten anschließen können. Kein Wunder, dass man heute von der Macht derer spricht, die über mehr Informationen verfügen als die nicht Eingeweihten. Die Verheimlichung von Informationen durch mir gut bekannte Personen kann also bewirken, dass ich sie als Fremde wahrzunehmen beginne. Sobald sie Informationen vor mir verheimlichen, nehmen sie mir die Freiheit auf Reaktion und Entscheidung. Als die Nicht-Informierte werde ich zu einer Anderen, einer Nichteingeweihten, Ausgegrenzten. Ich werde durch mein Unwissen stigmatisiert, sei es in privater, sei es in öffentlicher Sphäre.

Diese These von der Überwindung der Fremdheit durch Vermittlung von Informationen mag idealistisch erscheinen. Schließlich gibt es Interessengruppen, die nicht beabsichtigen, jemanden auszuschließen. Aber dadurch, dass sie einen inneren Verständigungscode entwickeln, der die Kommunikation zwischen ihren Mitgliedern erleichtert und automatisch ihre Konkurrenzfähigkeit in Bezug auf andere Gruppen erhöht, werden die Nicht-Dazugehörigen ausgegrenzt. Diejenigen, die den Code nicht beherrschen, fühlen sich als die Ausgeschlossenen. Die Gruppe, in die sie nicht hineinkommen können, werden sie als fremd empfinden. Diese Art von Fremdheit ließe sich aber überwinden, wenn ausreichend Informationsmaterial zur Verfügung steht. Das Fremde kann auf diese Weise schnell ins Andere umschlagen, das zum Kennenlernen bzw. Erlernen des Unbekannten, z.B. des Verständigungscodes auffordert. Das Andere erfüllt hier eine positive Funktion, da es zur Teilnahme animiert. Wenn jedoch nur auf die Andersheit verwiesen wird, wie es die EU-Kommissarin tat, ohne auf das einzugehen, was ihr fremd erscheinen müsste, nämlich die Ausschließung der Frauen aus dem öffentlichen Leben, dann ist der Schritt zum Fremden nicht mehr weit. Die Frauen, die den oben erwähnten Brief unterzeichneten, empfanden die Antwort der Kommissarin als Ausdruck einer unausgesprochenen Überzeugung, dass die Einbeziehung der östlichen Gesellschaften in den westlichen Prozess zunehmender Demokratisierung nicht in Erwägung gezogen wird. Die Anderen sollen die Anderen bleiben.

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1 Michał Buchowski, Bożena Chołuj (Hrg.): Die Konstruktion des Anderen in Mitteleuropa. Diskurse, politische Strategien und soziale Praxis. Frankfurt Oder, Słubice, Poznań 2001, S. 9.

2 Dieser Brief ist ein Protest polnischer Frauen gegen ihre Ausgrenzung aus Transformationsprozessen und aus Entscheidungen in Angelegenheiten, die sie betreffen, wie Ablehnung der Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes, das in Polen immer noch sehr restriktiv ist. Siehe: Ingrid Miethe, Silke Roth (Hg.): Europas Töchter. Traditionen, Erwartungen und Strategien von Freauenbewegungen in Europa. Opladen 2003, S.220-223 oder www.oska.org.pl.

3 Diese Antwort ist abgedruckt in: Ingrid Miethe, Silke Roth (Hg.): Europas Töchter. Traditionen, Erwartungen und Strategien von Frauenbewegungen in Europa. Opladen 2003, S. 224.

4 M. Buchowski, B. Chołuj (Hg.): Die Konstruktion..., a.a.O., S. 8.

5 Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main 1991, S. 34-37.

6 Judith Butler zeigt diesen Mechanismus am Beispiel von Homosexuellen, die zu Abnormalen abstempelt und so an den Rand der Gesellschaft gerückt werden.

7 Franz Jung: Die Technik des Glücks (1921); Mehr Tempo! Mehr Glück! Mehr Macht (1923). In: Franz Jung: Werke, Bd. 6, Hamburg 1987.

8 Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschafltichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt am Main 1980, S. 52-70 u. 129-165