Jacek Wesołowski
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Vota








Jacek Wesołowski, Polen: »Vota«
12 Elemente zu 9 Gruppen, 12 m lang; Gips, Beton, Holz, Wachs, Porzellan, Textilien, Licht; Fotos: Udo G. Cordes (1), CH-Foto (2/3/4/5/6)


 

Michael Nungesser

An der Nordwand des linken Seitenschiffs befindet sich die Installation »Vota« von Jacek Wesołowski, bestehend aus einer Reihe von Köpfen und ihr zugeordneten schilderähnlichen Holzkonstruktionen. Wesołowski, 1943 in Pruszkow bei Warschau geboren, war nach Studium und Promotion als Philosoph, Literatur- und Theaterwissenschaftler an der Universität in ódz tätig gewesen und hat seit 1972 wissenschaftliche und essayistische Publikationen veröffentlicht. 1981 bis 1985 lehrte er als Gastdozent an der Universität in Kiel. Aufgrund seiner kritischen Haltung kehrte er nicht mehr in das Polen der Militärregierung zurück und lebte bis 1999 in Kiel, danach pendelt er zwischen Berlin und Biaowice im Lebuser Land. Seine freiberuflichen Aktivitäten als Wissenschaftler sind inzwischen hinter sein künstlerisches Schaffen zurückgetreten, das viele Ausdrucks- und Präsentationsformen umfasst.

Seit 1983 verfolgt Wesołowski das Lebens-Kunst-Projekt »Tage-Buch«. Es ist »eine Art Kunst-Aufzeichnung, zu der – außer Text – auch Bilder, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen gehören. Sie bezeichnen die Haltung des Autors zur Welt. Sie dokumentieren wichtige und weniger wichtige Erlebnisse und Gedanken. Aus diesem Material werden Ausstellungen mit eigenen Ideen und Botschaften konstruiert. Ihre endgültige Gestalt wird in der Regel jeweils durch den Raum bestimmt, für den die Ausstellung gemacht wird.«1 Biographische und allgemein historische Elemente kreuzen sich in den Inszenierungen dieses »homo politicus«, »der besonders sensibel auf das Schicksal des Einzelmenschen schaut, dem staatliche Macht begegnet«2. Bei seinen bildnerischen Rauminszenierungen verwendet Wesołowski zahlreiche alltägliche Gegenstände: alte Taschen, Schuhe, Mützen, Möbel, Koffer, Spielzeug, Militaria, Tücher, Texte, Fotografien und Fundstücke aller Art. Die Spuren des Menschen stehen immer im Vordergrund: »Bleisoldaten oder Stoffpuppen, Abgüsse von Gesichtern, Händen, Beinen und – am häufigsten – Köpfe aus Gips«3.

In der Installation »Vota« (Urteile) tauchen die eben genannten Köpfe aus Gips wieder auf, als weitere Materialien treten Beton, Holz, Wachs, Porzellan und Textilien hinzu, außerdem eine brennende Lampe. Trotz ihrer räumlichen Ausdehnung entlang der Wand aus Ziegelstein besitzt die Arbeit einen schlichten Charakter. Die Aufreihung der Köpfe auf dem Boden, manche durch kleine Sockel erhöht, lässt an Gräber denken, die wie auf Stelzen oder Krücken angebrachten Rechteckfelder an Gedenktafeln – an wen und woran sie gedenken, bleibt offen: sie sind leer. Die Mützen, die Wesołowski aus Familienbesitz übernommen hat, verweisen auf vergangene (uniformierte?) Zeiten. Keine konkreten Ereignisse werden heraufbeschworen, sondern Erinnerungen an vergangene Zeiten, die im Grenzland oft schwerer wiegen als in anderen Regionen.

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1 Leszek Kania: Vorwort, in: Ausst.-Kat. Jacek Wesołowski. Arca. Appendix, Lebuser

Museum, Zielona Góra 1999, S. 2.

2 Seweryna Wysłouch: Kommunikativ und expressiv, in: Ausst.-Kat. Jacek Wesołowski. Grenze/Granica, Hansestadt Rostock, Kulturamt u.a. 2001, S. 12-14, hier: 14.

3 Ebd., S. 13.